Der Rebell Leseprobe
 

 

Ihr hysterisches Lachen verklang in einem Röcheln. Die darauf folgende Stille versetzte Oliver in Panik. Lediglich das entsetzliche Geräusch von Metall und Fleisch drang zu ihm. Im ersten Moment setzte Olivers Verstand unter den furchtbaren Eindrücken aus. Die Vorstellung, dass seine Mutter gerade vor seinen Augen erstochen wurde, hallte mit grauenhafter Gewalt in ihm nach. Hilflos, wie er war, hatte er es nicht verhindern können. Eis und Feuer rannen durch seine Adern. Entsetzt kauerte er in der Küche auf den kalten Fliesen. Der Schock saß tief in ihm. Sein Herz raste. Für endlose Sekunden wagte er nicht, den Blick zu heben, um ins Wohnzimmer zu spähen. Was er gesehen hatte, rann zähflüssig in seinen Verstand. Trotzdem konnte er es nicht verstehen.
Ihr Blut auf dem weißen Teppich war so irreal!
Oliver biss sich auf die Lippe. Er musste fort!
Der Gedanke weckte seine Angst. Leben kam in seinen schreckensstarren Körper. Rasch hob er den Blick und sah in den weitläufigen Raum hinüber. Am Rande seines Sichtfeldes entdeckte er den zusammengesunkenen Körper seiner Mutter. Wie ein monströser Schatten kauerte sein Vater über ihr. Blutspritzer bedeckten Boden und Gardinen. Panik verdrängte jedes andere Gefühl. Er bebte. Mit einem einzigen Satz federte Oliver unter der Küchenbar hervor. Er überwand den Abstand zur Tür in Sekundenbruchteilen. Kopflos rannte er auf den Flur hinaus. Der Ausgang schien ihm unendlich weit entfernt. Flucht war seine einzige Chance, wenn er überleben wollte! Er sprintete über die kalten Fliesen, vorbei an der Treppe, die nach oben führte. Ihn trennten vielleicht noch fünf oder sechs Meter von der Haustür, als das leise Weinen seiner Schwester in sein hysterisches Bewusstsein drang. Elli! Er musste seine Brüder und Elli beschützen. Für einen Moment bohrte sich dieser neue Gedanke mit erbarmungsloser Gewalt in sein Bewusstsein. Die Panik wich in einen verborgenen Winkel zurück. Abrupt änderte Oliver seine Richtung. Er rutschte weg. Mit rudernden Armen kämpfte er um sein Gleichgewicht, allerdings war es zu spät. Er stürzte schwer auf das rechte Knie. Sein Herz raste vor Angst. Hinter sich hörte Oliver einen fast unmenschlichen Schrei. Hass und Verzweiflung lagen darin. Der Laut berührte seine Seele und brannte sich unwiderruflich in seine Erinnerung. Die Stimme klang so fremd in seinen Ohren. Oliver schauderte. Er versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Sein verletztes Knie gab unter der Belastung seines Körpers nach. Der scharfe Stich, der durch sein Bein jagte, trieb ihm im ersten Moment die Tränen in die Augen. Oliver biss die Zähne zusammen. Einen Herzschlag später polterten wuchtige Schritte aus dem Wohnzimmer hinaus. Die Tür schlug gegen die Wand. Oliver hörte, wie das schwere Glas zersprang und sich über die Kacheln ergoss. Splitter knirschten unter Sohlen. Oliver glaubte zu spüren, wie seine Nerven bis in die Fingerspitzen elektrisierten. Sein Verstand verlor jeglichen Halt. Mit aller Macht klammerte er sich an die Vorstellung seiner vier jüngeren Geschwister. Der Druck, der sich in ihm aufbaute, gab ihm zusätzliche Kraft. Er spannte sich an. Mit einem Ruck stieß Oliver sich vom Boden ab. Schmerzen explodierten in seinem Knie. Irgendetwas war passiert. Er konnte nicht genau sagen, ob er sich das Gelenk verdreht hatte. Oliver schob den Gedankensplitter von sich. Er biss die Zähne zusammen und raste den schmalen Treppenschacht hinauf. Mit beiden Händen zog er sich am Geländer hoch. Sein Atem ging hektisch. In seiner Seite brannte stechender Schmerz. Hinter sich hörte Oliver Schritte näher kommen. Aus seiner Angst heraus erhöhte er noch einmal seine Geschwindigkeit. Sein Bein protestierte. Er versuchte es zu ignorieren. Etwas schrie ihm eine Warnung zu. Er konnte hören, wie der Abstand stetig schmolz. In seinem Nacken stellten sich feine Härchen auf. Etwas Kaltes streifte seinen Rücken. Oliver wusste nicht, was. Das Adrenalin in seinem Körper behinderte seine Empfindungen. Er durfte nicht langsamer werden. Oliver konzentrierte sich auf die Stimme seiner Schwester. Er verdrängte alle anderen Eindrücke so gut es ging. Der Schmerz sank ein wenig herab. Ihm kam ein Gedanke – eine Art Plan. Er wollte sich an dem Treppenlauf herum reißen und seinem Verfolger die Füße vor die Brust stoßen. Ihm war klar, dass er weitaus weniger wog, als ein ausgewachsener Mann, der nur aus Muskeln bestand. Trotzdem versuchte er es.
Mit den letzten drei Stufen, die er auf einmal nahm, versuchte er herumzuwirbeln. Seine Kniescheibe protestierte heftig. Verletzung und Sprung kosteten Oliver viel von seinem Schwung. Er verfehlte seinen Verfolger.
Strauchelnd taumelte er und fing sich im letzten Moment. Metall blitzte am Rande seines Sichtfeldes auf. Scharfer Schmerz sengte durch sein Bewusstsein. Vielleicht rettete ihm seine Ungeschicklichkeit das Leben. Die Klinge streifte ihn nur an der linken Schulter.
Halb auf den Stufen eingesackt, aber sprungbereit lauerte sein Gegner. Der massige Mann hob sich als drohender Schatten gegen das fahle Licht aus dem Erdgeschoss ab. Er füllte das schmale Treppenhaus aus. Es war das Gefühl, einem Raubtier gegenüber zu stehen. Sein Widersacher spannte sich.
Olivers Gedanken rasten. Was würde passieren, wenn er oben ankam? Er wollte sich davon keine Vorstellung machen. Seine einzige Möglichkeit lag in einem Angriff. Er musste Zeit schinden, um zu seinen Geschwistern zu kommen!
Der Mann duckte sich. Ein unmenschliches Grollen drang aus seiner Brust.
Wie konnte ein Vater nur so grausam sein?!
Olivers Gefühle kochten. Lang würde dieses Monster nicht mehr warten. Erschrocken bemerkte er die Lichtreflexion auf der Klinge des schweren Jagdmessers, als sein Vater es leicht in den Fingern drehte. Anhand des Winkels, konnte der Mann nur von unten zustoßen und Oliver vom Bauch bis zur Brust aufschlitzen. In dem Moment wurde ihm der lange, blutige Schnitt in seiner Schulter erst wirklich bewusst. Bisher hatte das Adrenalin die eigentlichen Schmerzen verdrängt. Er musste sich wieder in den Griff zu bekommen! Oliver schob alle störenden Eindrücke von sich und fokussierte seinen Vater. Die Klinge zuckte in seine Richtung! Gleichzeitig zog sich Oliver am Geländer hoch und rammte ihm beide Füße vor die Brust. Betäubender Schmerz schoss durch Bein und Schulter. Ihm wurde schwarz vor Augen. Als er aufkam, zwang er das dunstige Rauschen in seinen Ohren zurück. Hinter seinen Lidern flimmerte grauer Nebel, der sich kaum wegblinzeln ließ. Langsam gewann die Wirklichkeit wieder Konturen. Sein Vater musste gestrauchelt sein. Das Messer lag auf einer der Stufen unter ihm. Der Abstand zwischen ihnen hatte sich erheblich vergrößert. Sein Gegner klammerte sich verbissen an dem Handlauf fest und kämpfte um sein Gleichgewicht. Olivers Angriff war nicht umsonst! Er nutzte die Sekunden, die er dadurch gewann. Hektisch wirbelte er herum, sprang in den Flur im ersten Stock und warf die Tür ins Schloss. Als er nach dem Schlüssel greifen wollte, fuhr ihm eiskalter Schrecken durch alle Glieder. Der Schlüssel … er fehlte!
„Olli?!“
Entsetzt zuckte er zusammen und wirbelte um seine Achse. Einer der Zwillinge stand auf dem Gang. Der zehnjährige Junge rieb sich die tränenverquollenen Augen. Mit zwei humpelnden Schritten erreichte Oliver seinen Bruder und stieß ihn unsanft in sein Zimmer zurück. Gegen das Licht der Straßenbeleuchtung erkannte er die Silhouette des anderen Zwillings.
„Klettert aus dem Fenster!“, befahl er. Die Augen des Jungen weiteten sich fragend. Es war Chris. Oliver erkannte ihn an der ausdrucksvollen Mimik.
Hinter ihnen polterte es im Treppenhaus. Panik rann weißglühend durch seine Adern.
„Flieh mit Micha! Ruft die Polizei!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er die Tür des Zimmers hinter sich zu und stürzte in den Nebenraum. Elli kam ihm weinend entgegen gelaufen. Seine kleine Schwester klammerte sich an ihn. Oliver befreite sich unsanft. Er warf hinter sich die Tür ins Schloss. Aus dem Zimmer der Zwillinge hörte er qualvolles Stöhnen und leise Flüche. Das Fenster wurde geöffnet. Einen Augenblick später folgte ein Schmerzensschrei aus dem Garten. Chris und Micha konnten fliehen! Erleichtert atmete er auf. Nun musste er nur noch Marc und Elli nach draußen bringen. Bevor er den Gedanken in die Tat umsetzten konnte, hörte er bereits die Schritte seines Vaters näher kommen. Panisch tastete Oliver nach dem Schlüssel.
Entsetzt bemerkte er, dass dieser auch hier fehlte! Mit beiden Händen umklammerte Elli seinen Oberschenkel. Sie krallte sich in seine Hose und rieb ihr fiebriges, feuchtes Gesicht an seinem Bein.
„Elli, weg!“, schrie er sie an. Er versuchte sich von ihr zu befreien. Gehorsam ließ sie los, starrte ihn aber unverständig an. Für Erklärungen fand er keine Zeit. Oliver schob sie grob zur Seite, um die Wickelkommode von Marc vor den Eingang zu rücken. Er kam nicht dazu. Das Türblatt wurde nach innen gedrückt.
Entsetzt stellte er sich vor sie.
„Nimm deinen Bruder und versteck’ dich“, hauchte er.
Elli schüttelte vehement den Kopf. Sie klammerte sich an seine Hose. Tränen rannen über ihre Wangen. Oliver blieb nicht die Zeit, etwas zu unternehmen. Holz splitterte. Aus dem Augenwinkel sah er seinen Vater. Der Anblick des blutigen Riesen raubte ihm allen Mut. Das war der letzte Tag seines Lebens!
Wie gelähmt starrte er seinen Vater an.
Oliver musste ihn aufhalten, um seine Geschwister zu retten! Marc und Elli waren Kleinkinder!
Seine Schwester schrie panisch auf. Oliver wirbelte herum und drückte sie von sich, aus der Reichweite seines Vaters.
Eine Hand griff in seine hellen, langen Locken und verkrallte sich darin. Stechender Schmerz zuckte durch seine Kopfhaut in seinen Nacken. Brutal riss sein Vater ihn herum und stieß ihn zu Boden. Oliver wurde schwindelig und schlecht vor Schmerzen. Ein Faustschlag traf ihn mit Urgewalt zwischen den Schulterblättern. Er hörte ein ungesundes Knacken, während alle Luft aus seinen Lungen getrieben wurde. Oliver nahm nur noch wenig durch die wirbelnden Nebel seiner Erschöpfung wahr. Alle Empfindungen sanken zu einem betäubendem Nichts herab. Konnte man sich an Schmerzen gewöhnen? Der Gedanke entglitt ihm. Schwach bemerkte er, wie sich Elli an ihn krallte. Ihre Stimme krähte heiser … warum schrie Marc nicht?!
Kleine, heiße Kinderhände suchten nach Halt. Sie wagte nicht, irgendeinen Laut zu verursachen. Oliver zog sie näher an sich heran. Er versuchte, sich vor seine Schwester zu rollen. In der Sekunde drang die Klinge in sein gebrochenes Schulterblatt. Haut und Muskeln zerrissen unter dem brutalen Angriff. Oliver schrie auf. Es klang fremd in seinen Ohren. Ellis dünnes Weinen mischte sich in seine Stimme.
Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Dennoch wollte er nicht aufgeben. Verlieren durfte er nicht!
Sein Vater zerrte ihn an seinen Haaren hoch. Oliver klammerte sich an Elli. Er wollte sie vor diesem Schicksal bewahren.
Mit dem Bild seiner toten Mutter, der Todesangst seiner Schwester und der Agonie, die in seinem Körper explodierte, warf er sich nach vorne. Er fühlte seine Haare büschelweise ausreißen. Diese Art des Schmerzes nahm er nicht mehr wirklich war. Er fiel hart zu Boden, wobei er Elli halb unter sich begrub. Seine Schwester schrie panisch.
Das Messer traf ihn wieder. Nicht tief, allerdings platzten Haut und Gewebe über den Knochen auf.
Vor Olivers Augen tanzten flackernde Blitze. In seinen Ohren rauschte sein Blut. Das Geräusch war so laut, dass es Elli übertönte und ihn in einen grauen Strudel aus Erinnerungslosigkeit reißen wollte. Sein Vater zog das Messer aus seinem Körper. Eine Woge betäubender Erleichterung raste durch seinen Verstand, nur um erneut in Agonie zu explodieren. Er glaubte, die Schmerzwellen zu fühlen, die durch seine Nerven bis in seine Fingerspitzen schossen. Seine Welt versank in blutigen Schleiern und panischer Angst, während er Elli unter sich barg.
Seine Schwester schrie und weinte nun ungehemmt. Oliver hörte schwach ihren rasselnden Atem. Der Gedanke, dass er ihr die Rippen gebrochen haben musste, manifestierte sich. Verzweifelt rang Elli unter ihm nach Luft. Mit ihren kleinen Ärmchen kämpfte sie gegen Olivers erdrückendes Gewicht an. Mühsam zog er die Beine an den Leib. Es kostete ihn unendlich viel Kraft. Sie bekam dadurch etwas mehr Freiraum.
Sein Vater durfte ihr nichts tun. Der Gedanke bohrte brennend hinter seiner Stirn. Wenn er schon seine Mutter nicht retten konnte, so wenigstens Elli und Marc. In seinem umnebelten Verstand klammerte er sich an diese schale Hoffnung. Ihm fehlte die Kraft, die Wirklichkeit zu akzeptieren. Sie waren alle so gut wie tot.
Sein jüngster Bruder lag vollkommen ungeschützt in seinem Bettchen. Er war ein leichtes Opfer.
Olivers Finger umklammerten das Holzgitter und berührten Marcs winzige Füßchen. Er war ihm so nah, zugleich aber unendlich weit entfernt!
Oliver erschrak, so weit es seine Erschöpfung noch zuließ, über die taube Bewegungslosigkeit seines kleinen Bruders.
Warum schrie Marc nicht? Warum strampelte er nicht …?
Oliver konnte diesen Gedanken nicht festhalten. Sein Verstand versank in einer Welt aus Schmerzen und Blut. All seine Empfindungen stumpften ab. Der letzte Gedanke galt seinem Vater: Warum tat ihr Vater ihnen so etwas an?

(c) Tanja Meurer, 2011