| Glasseelen Leseprobe |
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Als sein Schädel auf dem Boden zerplatzte und
ein dünnes Rinnsal hellen Blutes um die Spitze ihres Turnschuhs lief,
hörte die Welt für einen Moment auf zu atmen. Camilla starrte auf den
fremden Mann hinab, der sich direkt vor ihren Füßen zu Tode gestürzt
hatte. Sein Gesicht war aufgedunsen und verfärbte sich langsam
blauviolett. Kleine Äderchen traten an Stirn und Schläfen hervor. Über
seine halb offenen Lippen quoll Blut und Speichel, seine gebrochenen
Glieder standen grotesk ab, Knochen stachen durch den dünnen Stoff von
Jeans und T-Shirt.
Camilla hätte nie gedacht, dass jemand so wenig blutete, wenn er sich von einem Dach stürzte. Sie betrachtete den Toten aus einer eigenartig fernen Perspektive. Als sei er nicht zu ihren Füßen gestorben, sondern als sähe sie ihn in einem Film. Vielleicht lag es an der Stille um sie herum, an diesem Fehlen jedweden Lautes. Die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben, die Finger verkrampft um etwas darin, beobachtete Camilla, wie sein Blut unter ihre Schuhe rann und den Saum ihrer grünen Cordhose durchtränkte. Erst nach einer Weile trat sie einen kleinen Schritt zur Seite. Die Augen des Toten, die roten Kugeln, die in den wolkenlosen Sommerhimmel starrten, hielten ihren Blick gefangen. Sie sah das intensive Blau und den Glanz der Sonne darin. Am Rande ihres Sichtfeldes bemerkte sie eine Bewegung. Etwas rollte aus seinen Fingern fort. Mühsam löste sie den Blick von seinem Gesicht und fuhr zusammen. Eisige Kälte kroch ihre Wirbelsäule hinauf und legte sich erstickend um ihr Herz. Zwei blutige Kugeln, an denen feine, feuchte Nervenstränge hingen, blieben unweit seiner verdrehten Schulter neben seinem Gesicht liegen. Unter den klebrig roten Schlieren und dem Straßenschmutz sah Camilla die hellblaue Iris. Eine Woge des Grauens überflutete ihre Gedanken und drohte, ihren klaren Verstand mit sich zu reißen. Camilla biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe und den Piercingring. Der kurze, stechende Schmerz half ihr, die aufkommende Panik zu verdrängen. Sie schluckte den erstickenden Kloß in ihrem Hals herunter, dennoch blieb ein Hauch der Angst, ihr Magen fühlte sich labil und flau an. Ihre Knie waren kaum noch in der Lage, sie zu halten. Sie schloss die Lider. Kontrolliert atmete sie ein und aus, bis der Boden unter ihren Füßen wieder still stand. Langsam öffnete Camilla sie wieder und sah in sein Gesicht. Etwas war anders. Der Himmel spiegelte sich nicht mehr in seinen Augen. Sie wurden stumpf und verloren alle Farbe, bis sie nur noch wie graubraune Erdklumpen aussahen. Ein kleines Stück bröckelte daraus ab. Camillas Augen weiteten sich entsetzt. Ohne den Blick abwenden zu können, beobachtete sie, wie die Steinklumpen in den Höhlen zu grauem Sand und Staub zerfielen. Wind kam auf und wehte ihn davon. Von einem Herzschlag auf den anderen erwachte die Welt um sie zu neuem Leben. Menschen schrieen und rannten über den Museumsvorplatz. Der Straßenlärm überrollte Camilla mit unsäglicher Gewalt. Entsetzt presste das Mädchen die Hände gegen die Ohren. Mit einem Mal raste die Zeit, um ihren wirklichen Takt wieder einzuholen. Theresas Nägel krallten sich in Camillas Arm, durchdrangen sogar den Stoff der Jacke und des T-Shirts darunter, aber der Schmerz war nicht in der Lage, den Bann zu brechen. Dennoch fühlte Camilla, dass ihre Freundin sie von dem Toten fortriss. Sie stolperte zwei, drei Schritte weit rückwärts. Ihr Blick fiel nach unten. Sie sah die blutigen Abdrücke ihres linken Schuhs auf dem Boden, dann starrte sie wieder zu ihm. Sie bemerkte aus den Augenwinkeln, wie die Museumsaufsicht heran kam, ihr kurz die Sicht nahm und wieder unter dem hohen Eingang des Pergamon-Museums in den Schatten der Halle verschwand. Schaulustige drängten nach, die die Leiche von Nahem betrachten wollten, dann aber eilig das Weite suchten, als sich entfernt Martinshörner in den Lärm der Umwelt mischten. Camilla fokussierte noch immer den Mann. Hatte sie das alles geträumt? Sie spürte, wie die Kälte erneut in ihren Körper kroch. Von ihrer Position aus konnte sie seine leeren Augenhöhlen sehen und die beiden blutigen Kugeln. Was für ein kranker Albtraum war das?! Sie zwang sich, nicht mehr zu seinem Gesicht zu starren, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zu ihm zurück. Fast beiläufig fiel ihr auf, dass seine zweite Hand krampfhaft ein altes Fernrohr umklammert hielt. Sie hatte für einen winzigen Moment das Gefühl zu wissen, was es damit auf sich hatte. Aber bevor sie den Gedanken ergreifen konnte, entglitt er ihr und hinterließ eine nebulöse Leere, die sie nicht zu füllen in der Lage war. Theresa begann zu würgen und Camilla spürte, wie der unheimliche Bann brach. Hilflos und entsetzt sah sie ihrer Freundin zu, wie sie sich übergab. Tränen rannen über Theresas Wangen und zogen rote Spuren über ihre bleiche Haut. Ihre außergewöhnlichen, zweifarbigen Augen waren entzündet und die schweren Lider verquollen. Sie zitterte am ganzen Leib. Feine Schweißperlen bedeckten ihre Haut und verklebten die kurzen blonden Haare in ihrer Stirn. An ihren Lippen hingen noch Tropfen von Erbrochenem. Ihre Knie knickten ein. Camilla konnte gerade noch zugreifen, bevor das Mädchen auf dem Boden aufschlug. Vorsichtig stützte sie ihre zierliche Freundin und führte sie zu einer der Bänke. Langsam ließ sie Theresa darauf Platz nehmen und suchte in ihrer Jacke nach Taschentüchern. Das war es, was sie zuvor umklammert hatte. Die Taschentücher und die Geldbörse. Diese Erkenntnis erschien ihr plötzlich abstrakt in Anbetracht der Situation. Was in ihrem Kopf war so kaputt, dass sie keine Gefühlsregungen in sich feststellen konnte, außer der Sorge um Theresa und schwachem Entsetzen? Ihr Verstand arbeitete viel zu genau und ihr Herz raste nicht annähernd so, wie sie es manchmal in ihren Albträumen spürte. Der Geruch nach Säure und halb verdautem Frühstück stieg ihr in die Nase. Das Erbrochene war ein bisschen zu viel für ihren Magen. Sie versuchte, so wenig wie möglich zu atmen, als sie Theresa die Magensäuretropfen von den Lippen tupfte. Kurz wurde ihr schlecht, doch als sie das Taschentuch ein Stück von sich auf den Boden warf, fing sie sich wieder. Besorgt ließ sie sich vor ihrer Freundin in die Hocke sinken und ergriff ihre Hände. Trotz der morgendlichen Julihitze fühlten sie sich an wie die einer Toten. Ihre Wangen hatten alle Farbe verloren. Aus großen, weit aufgerissenen Augen starrte sie durch Camilla hindurch. Der Blick in die blaue und in die braune Iris verwirrten Camilla etwas. Angst hatte sie dunkel gefärbt. Unwillkürlich fragte sie sich, was Theresa gesehen hatte. War es das Gleiche gewesen? Langsam kroch auch Camilla ein leiser Hauch von dem Grauen, das sie empfinden sollte, in ihr Herz. Unwillkürlich begann sie zu frieren. Ihre Hände zitterten leicht. Aber es waren Theresas Gefühle, die sie in sich aufnahm. Sie fürchtete sich vor dem Augenblick, in dem sie von all den Emotionen überschwemmt würde, die sie nun so erfolgreich verdrängte. Doch im Moment konnte sie nichts weiter tun, als für Theresa da zu sein und alle Stärke aufbringen, zu der sie in der Lage war. Jenseits der Spreegabelung und der Museumsbrücke hielten Krankenwagen und Polizei. Unbeteiligt beobachtete Camilla, wie einige Sanitäter mit Bahre und Zinksarg den Steg überquerten und die Stufen hinauf kamen, während uniformierte Polizisten Schaulustige zur Seite trieben. Camillas Gedanken kehrten zurück zu dem Toten. Warum war er gesprungen? Sie sah über den Museumsvorplatz und überblickte das ameisenartige Gewusel von Männern in Uniformen. Weitere Fragen erwachten in ihr. Von welcher Stelle war er gesprungen? Direkt über dem Haupteingang gab es aus ihrer Perspektive keine Möglichkeit, das Flachdach zu betreten. Möglicherweise irrte sie sich ja und er hatte den Sprung von ganz oben geschafft. Aber selbst dann hätte er auf dem Vordach des Eingangs aufschlagen müssen, was ihm vermutlich schon im Vorfeld alle Knochen gebrochen hätte. Ihre Fantasie reichte mit Leichtigkeit dazu aus, sich vorzustellen, wie er dann ausgesehen hätte. Der morbide Gedanke faszinierte sie ebenso sehr, wie er ihr Angst einjagte. Camilla konnte sich nicht über eine mangelnde und kranke Fantasie beklagen. Schließlich war sie in ihrer Kunstklasse als abartig und ein wenig verrückt verschrien, aber es gab eine Grenze zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Schließlich war es keine Einbildung gewesen, wie die Augen des Toten zu Sand zerfallen waren, etwas, dass zwar in Filmen und Büchern, auch in den Comics, die sie zeichnete, geschah, aber nicht in Wirklichkeit. Auch Theresa musste dieses Detail aufgefallen sein. Sie konnte seltsame Phänomene sehen und deuten, seit ihrer Kindergartenzeit schweißte diese Fähigkeit die beiden Mädchen eng aneinander. Nur war Theresa immer diejenige gewesen, die dem Übernatürlichen offener gegenüberstand als Camilla. Umso schlimmer musste das gewesen sein, was sie gesehen hatte. Zitternd rieb Theresa die Beine unter ihrem langen, rotgrünen Rock gegeneinander. Stumm zog Camilla ihre Jacke aus und legte sie um Theresas Schultern. Dankbar sah ihre Freundin auf. Camilla entspannte sich etwas, sie spürte, dass Theresa zumindest einen Schritt weit aus ihren Albträumen zurückgekehrt war. „Der Aufschlag muss echt heftig gewesen sein, wenn er ihm sogar die Augen rausgerissen hat!“ Camillas Nackenhaare stellten sich auf. Sie wendete den Kopf und sah zu dem Mann, der gesprochen hatte. Er war noch recht jung, trug aber weder Uniform noch die typische Weste des Rettungsdienstes. Einer der Sanitäter runzelte verärgert die Stirn. „Bei der Polizei müssen wohl Pietätlosigkeit und seltsamer Humor normal sein, wie?“, fragte er. In seiner Stimme schwang ein abfälliger Ton mit. Der Zivilpolizist zuckte mit den Schultern und überging den Kommentar. „Die Spurensicherung muss erst noch Bilder machen. Dann könnt ihr ihn mitnehmen.“ Camilla sah Theresa an, die das Gesicht wieder in ihren Händen verborgen hielt. „Geht es wieder?“, fragte Camilla leise. Theresa schluchzte hilflos, zwang dann aber die Tränen zurück und nickte tapfer, während sie die Hände sinken ließ. Camilla setzte sich nun neben ihre Freundin und schlang beide Arme um ihren Hals. Das Mädchen vergrub ihren Kopf an Camillas Schulter, wieder zitterte sie am ganzen Körper. Behutsam wickelte Camilla ihre Kapuzenjacke um Theresa. Das Beben ging Camilla durch Mark und Bein. Plötzlich spürte sie die Tränen ihrer Freundin, die ihr T-Shirt durchfeuchteten. Hilflos schmiegte Camilla ihre Wange in Theresas zerzaustes Haar. „Wer sind die Mädchen, die den Selbstmörder haben springen sehen?“ Camilla fuhr zusammen. Ihre erste Intension war es, Theresa an der Hand zu packen und mit ihr wegzulaufen. Aber was hätte das gebracht? Die Augen ihrer Freundin waren dunkel und feucht. „Bitte nicht“, flüsterte sie fast tonlos. Auch Camilla wollte nicht mit den Polizisten reden, nicht alles noch einmal durchleben müssen. Dennoch hob sie schwach die Hand. „Hier“, sagte sie erschöpft, wobei sie hoffte, dass der Straßenlärm und die nahende S-Bahn ihre Stimme einfach verschlucken würden. Aber der Zivilpolizist schien gute Ohren zu besitzen, denn er fasste die Mädchen sofort in den Fokus. Die Art, wie er sie ansah und besonders Theresa fixierte, gefiel Camilla nicht. Sein starrer Blick und die kalten blauen Augen machten sein Gesicht unerträglich, auch wenn er sonst glatt, unheimlich hübsch und freundlich aussah. Aufmunternd lächelte er. Das Verziehen der Lippen verlieh ihm noch mehr den Ausdruck einer männlichen Barbiepuppe. Langsam kam er näher und blieb in einer für Camilla zu geringen Distanz stehen. Als er sich zu ihr neigte, nahm sie sein herbes Aftershave wahr, das sich mit dem Geruch nach kaltem Zigarettenrauch und schalem Kaffee vermischte. Ihr Körper reagierte mit Übelkeit. Unwillkürlich rutschte sie zurück, so weit es ihr mit Theresa im Arm gelang. Er schien die Bewegung gar nicht wahrzunehmen und neigte sich noch weiter hinab. „Ich brauche eure Zeugenaussagen, ihr beiden Hübschen.“ In einem Zivilfahrzeug der Polizei wurden sie in die Charité gebracht. Eine Stationsschwester wies ihnen ein freundliches, helles Zimmer zu. Topfpflanzen standen auf dem Fensterbrett und dem Esstisch, gegenüber der beiden Betten. Durch die hohen Fenster schien die Sonne in den Raum, erwärmte die Luft und malte helle Muster von den Blättern der Bäume draußen auf den Boden. In den grüngoldenen Strahlen tanzten winzige Staubflocken und legten sich wie eine feine Decke über den intensiv blauen PVC. Es roch nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, aber auch nach Blumen und Obst, die sich auf einem Sideboard befanden. Der Ort strahlte in dem mittäglichen Sommerlicht einen tröstlichen Frieden aus. Ruhig saß Camilla auf der Bettkante und beobachtete das Lichtspiel, das der Wind erzeugte, wenn er draußen durch die Blätter strich. Ihre Gedanken verloren sich irgendwo zwischen Staub und feinen Sandkörnern, die vom Wind davon getragen wurden … Unwillkürlich schauerte sie. Das Bild der Augen, die sich zersetzten, ließ sie nicht los, verfolgte sie sogar bis in diesen sonnigen, angenehm ruhigen Raum. Der Gedanke bereitete ihr körperliches Unbehagen. Wie zur Abwehr zog sie die Beine an den Körper und umschlang sie mit den Armen. Es dauerte eine ganze Zeit, bis sie begriff, dass Theresas Blick in ihren Rücken stach. Sie verspürte das widersinnige Gefühl, ertappt worden zu sein. Schnell wendete sie den Kopf, bis sie ihre Freundin sehen konnte, die sich in dem Bett hinter ihrem zusammengerollt und die dünne, weiße Decke bis zu den Augen hoch gezogen hatte. Sie sah fast aus wie eine Leiche, die unter ihrem Leichentuch hervor sah. Camilla spürte, dass das Grauen, was sie empfand, aus ihrer eigenen Fantasie heraus kam. „Was denkst du?“, fragte Theresa sehr leise. Ihre Stimme war brüchig und zitterte noch immer ganz schwach. „Das weiß ich selbst nicht recht“, antwortete Camilla ausweichend. Sie wollte Theresa nichts von ihrer ganz persönliche Horrorvision erzählen. „Das ist seltsam“, flüsterte Theresa. „Sonst hast du eine Antwort auf alle Fragen.“ Camilla senkte die Lider. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als eine Möglichkeit, sich aus dem Raum zu stehlen, fort von Theresas unangenehmer Frage. Aber sie konnte nicht fort. Ihre Freundin allein zu lassen wäre Camilla unmöglich gewesen. Beide waren hier in fremder Umgebung und hatten nur einander. Mühsam sammelte sie sich und setzte sich umständlich auf dem Bett um, damit sie sich Theresa zuzuwenden konnte. Ihre langen Beine und die weiten Schlaghosen waren im Weg. Als sie endlich halbwegs bequem saß, begegnete ihr der Blick ihrer Freundin mit unverhohlenem Unverständnis. Nervös griff Camilla nach ihrem Kopftuch und zog es sich aus den Haaren. Wenn sie ihre Finger schon nicht anderweitig mit Stift und Block beschäftigen konnte, musste sie zumindest mit ihren hüftlangen Locken spielen. „Hast du die Augen gesehen?“, fragte Camilla nun. Ihre Stimme klang etwas zu hoch und zu schrill in ihren Ohren. Scheinbar registrierte Theresa die Tonlage nicht. Sie schob die Decke etwas hinab, sodass Camilla ihr Gesicht sehen konnte. Sie nickte. „Ja, habe ich. Diese blutigen Pupillen, die er sich aus dem Schädel geschlagen hat …“ Sie wand sich und würgte leicht. Camilla sah sie fragend an. Offenbar hatte Theresa nichts von dem Phänomen bemerkt. Wenn sie nun davon erzählte, würde sie Theresa noch mehr verunsichern oder ihr neue Ängste einreden. Nachdenklich wickelte Camilla einige ihrer roten Haarsträhnen um ihr Handgelenk. Der auffordernde Blick Theresas bedrängte Camilla. Vielleicht konnte Theresa aber auch helfen. Normalerweise fand sie immer eine Antwort auf solche unerklärlichen Phänomene. Camilla sog die Unterlippe ein und lutschte einige Sekunden lang an ihrem Piercing, bevor sie den Mut fand, Theresa doch von ihrer Beobachtung zu berichten. Währendessen fixierte sie ihre Freundin genau, immer bereit, sofort abzubrechen, wenn ein Anzeichen darauf hindeutete, dass sie ihr zu große Angst machte. Theresas Mimik änderte sich nicht, nur ihre ausdrucksstarken, großen Augen sprachen unverwandt, auch wenn Camilla nicht einschätzen konnte, was ihre Freundin dachte. Nachdem sie geendet hatte, senkte sich bleierne Stille über den Raum „Was denkst du denn?“, fragte Camilla schließlich angespannt. Das Mädchen seufzte und zog die Decke wieder etwas höher. „Während du hinab geschaut hast, habe ich hoch gesehen.“ Ihre Stimme bebte leicht. Theresas Augen weiteten sich plötzlich wieder in stummem Grauen. Sie schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht und rollte sich unter der Decke zu einer Kugel zusammen. „In meinem ganzen Leben habe ich nichts Entsetzlicheres gesehen“, keuchte sie. „Der Mann auf dem Dach! Dieses unglaubliche Monster!“ Camilla spürte, wie sich ihr Nackenhaar sträubte und sich alle Härchen auf ihren Unterarmen aufrichteten, als wäre es in dem Raum um einige Grad kälter geworden. Die Bewegungen auf dem Boden wirkten plötzlich nicht mehr harmonisch und beruhigend, sondern erinnerten an tausend krabbelnde Käfer. Ihr Herz raste, ihr ganzer Körper spürte, dass das, was Theresa gesehen hatten, unheimlicher war, als sie es erahnte. Nun bekam das Bild von dem zerschmetterten Kopf und den Knochen eine ganz neue Bedeutung. „Theresa, was war das für ein Mann?!“, fragte Camilla atemlos. Theresa sah sie aus schreckensgeweiteten Augen an, rollte sich auf die andere Seite und zog die Decke ganz über sich. „Ich will nicht mehr davon sprechen.“ Sprachlos sah Camilla zu ihrer Freundin hinüber. Warum forderte Theresa sie dann überhaupt auf, mit ihr zu reden? Ihr Schrecken verwandelte sich in ungerechte Wut. „Was soll das denn jetzt?“, fragte Camilla angespannt, wobei ihr der scharfe Tonfall gleich wieder Leid tat. Sie wusste zu gut, dass sie selbst nicht normal reagierte. Camilla war fast schon froh darüber, dass die Psychologin wenige Minuten später kam, um mit Theresa und ihr zu sprechen. Sie war eine schlanke, fast hagere Frau mittleren Alters, die Ruhe und Selbstsicherheit ausstrahlte. „Melanie Wallraf“, stellte sie sich knapp vor. Sie trat zu Camilla und reichte ihr die Hand. „Ich bin Ihre betreuende Ärztin.“ Das Mädchen sah die Psychologin aufmerksam an. „Wer von Ihnen ist Theresa und wer Camilla?“ Theresa setzte sich auf und zog sich die Decke um Kopf und Schultern. Sie schwieg beharrlich. Camilla sah über die Schulter und versuchte, ihren Blick aufzufangen, aber es gelang ihr nicht. Sie wendete sich an die Ärztin, die vor ihrem Bett stand. „Ich bin Camilla Hofmann und das ist …“, antwortete sie und deutete zu Theresa, „… Theresa Mielke.“ Dr. Wallraf nickte Theresa lächelnd zu. „Herr Habicht, der Polizist, der Ihre Zeugenaussagen noch aufnehmen muss, hat bereits Ihre Eltern informiert.“ Camilla spürte eine ungerichtete Wut gegen den jungen Mann in sich. ‚Dieses Ekel von der Museumsinsel!’, schoss es ihr durch den Kopf. „Wann hat er sie informiert?“, hakte Camilla nach. „Das kann ich Ihnen nicht sagen“, entgegnete Frau Wallraf. Weder Camillas noch Theresas Eltern hatten bislang den Versuch unternommen, auf dem Handy anzurufen. Dennoch konnte sie den Impuls nicht unterdrücken, das Telefon aus der Hosentasche zu ziehen und mit einiger Enttäuschung zur Seite zu legen, als sie das leere Display sah. Sie behielt es in Sichtweite. Sollte sich bis fünfzehn Uhr nichts getan haben, beschloss Camilla, wollte sie sich bei ihrer Familie melden. Wenn auch sonst die Bindung nicht die stärkste war, so fühlte sie sich jetzt so hilflos, dass sie die Nähe ihrer Eltern suchte. Der Psychologin entging ihr Verhalten nicht. „Sie kommen nicht aus Berlin, oder?“ Sie bemühte sich, auch Theresa per Blickkontakt in das Gespräch einzubeziehen, aber das Schweigen neben ihr verdeutlichte Camilla, dass Theresa sich in ihre eigene Welt zurückgezogen hatte. „Theresa und ich wollten hier Urlaub machen“, sagte sie leise. „Zwei Wochen in Berlin, um uns von der Schule zu erholen.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Nach den Ferien würde ihr letztes Schuljahr anfangen. Camilla wollte bereits jetzt mit ihrer Mappenvorbereitung für das geplante Kunststudium anfangen. Ihr heimlicher Traum war, ein Stipendium im Städl in Frankfurt zu bekommen. Jetzt erhielt der Gedanke einen schalen Beigeschmack. Alles hatte sich verändert. Sogar die Freundschaft zu Theresa schien nicht mehr die gleiche zu sein, ein seltsames Gefühl von Unverständnis, das Camilla zwischen ihnen nicht kannte, hatte sich eingeschlichen. Nicht einmal in der Geborgenheit der eigenen vier Wände konnten sie sich verstecken. Die Polizei erwartete von ihnen eine Aussage und würde die beiden Mädchen nicht so schnell fort lassen. Wenn ihre Eltern nicht kamen, würden sie in ihre unpersönliche Jugendherberge zurückkehren und waren diesem Moloch von Stadt schutzlos ausgesetzt. Gegen Berlin wirkte Frankfurt wie ein Dorf! Die Ärztin sah Camilla auffordernd an. „Sagen Sie ruhig, was Sie denken.“ Camilla ignorierte ihre Worte. Trotz erwachte in ihr. Sollte sie doch glauben, dass sie verstockt war! Schließlich gab Frau Dr. Wallraf auf und wendete sich zur Tür. „Kommt Sie beide bitte mit? Herr Habicht von der Polizei erwartet Sie bereits.“ Camilla sah aus dem Augenwinkel zu Theresa, die neben ihr über den Flur ging und den Blick gesenkt hielt. Ihre Hände berührten sich fast. Irgendwann hielt Camilla die Finger ihrer Freundin fest und drückte sie sanft. Sie spürte, wie etwas von ihrer Wärme in Theresa floss. Frau Wallraf führte sie durch ein kleines, ordentliches Sekretariat, in dem eine rundliche Frau unschätzbaren Alters einen mit blauem Stoff bezogenen Ordner füllte. Die Assistentin hielt Doktor Wallraf die Unterschriftenmappe entgegen. „Wichtig!“, merkte sie an. Im Vorbeigehen nahm die Ärztin die Mappe an sich, bevor sie die schwere Holztür ihres Büros öffnete. Dr. Wallraf ging voran und ließ die beiden Mädchen in ihr Büro treten. Es war ein großzügig eingerichteter, angenehmer Raum, der nach altem Leder roch. Er war ähnlich hell und freundlich wie das Zimmer, das Camilla und Theresa bewohnten, nur weitaus eleganter. Der Raum erinnerte an alte Edgar Wallace Filme, allein die Tür war innen mit genieteter, grüner Lederpolsterung bezogen, zur Dämmung des Schalls, wie Camilla vermutete, und um die Gespräche für die Sekretärin unverständlich zu machen. In den bequemen Besuchersesseln neben dem ausladenden Bürotisch saßen zwei Männer. Matthias Habicht hielt die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte recht entspannt. Sein helles Haar fiel ihm in die hohe Stirn und er blinzelte gegen die Sonne, die ihn scheinbar in den Augenwinkeln reizte. Sein Gesicht war wirklich sehr ebenmäßig und hübsch, er konnte kaum mehr als zehn Jahre älter sein als sie. Camilla betrachtete ihn nachdenklich. Er erinnerte nicht mehr an einen „Ken“, dennoch wirkte er seltsam oberflächlich und künstlich. Doch das dachte sie von vielen jungen Männern, die aussahen, als seien sie Werbemodelle für Kosmetikprodukte. Wenn sie ihn jetzt betrachtete, konnte sie ihre Abscheu von vorhin nicht mehr ganz nachvollziehen. Aber die Vorsicht wollte sie dennoch nicht fallen lassen. Vielleicht, dachte Camilla, ist es nicht immer gut, nach dem ersten Eindruck zu urteilen. Er erhob sich kurz und begrüßte die Ärztin, die ihm ihre Hand sofort wieder entzog. Umso herzlicher begrüßte sie den älteren Beamten. In ihren Augen glomm sogar ein warmes Lächeln auf. Habicht reichte auch Theresa die Hand und betrachtete Camillas hübsche, wohlgeformte Freundin eine Sekunde lang sehr eingehend. Camilla entzog ihm automatisch die soeben erst gewonnenen Sympathiepunkte. Ähnlich wie zuvor Theresas drückte Habicht auch Camillas Hand und betrachtete sie neugierig. Sein Blick hielt ihren eine Weile fest, während seine Finger ihren Handrücken streichelten. Plötzlich glaubte Camilla zu spüren, dass ein fremdes Bewusstsein in ihres eindrang. Es fühlte sich nicht brutal an, dennoch war es roh und lüstern. Das unheimliche Bild der Augen des Toten legte sich über seine. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als seine Pupillen ebenfalls zu Staub zerfielen. Die Vision verschwand. Camilla wurde übel und ihre Knie zitterten stark. Sie musste alle Selbstbeherrschung aufwenden, um nicht ihre Hand zu befreien und fortzulaufen. „Mein Name ist Oberkommissar Weißhaupt“, stellte sich der zweite Zivilbeamte vor. Camilla löste ihre Finger aus denen Habichts und sah zu Herrn Weißhaupt. Er war ein großer Mann mittleren Alters, mit rundem Gesicht und einem liebenswerten Lächeln, das sich auch in seinen dunklen Augen widerspiegelte. Äußerlich erinnerte er Camilla ein wenig an ihren Vater. Oberlippenbart und dunkle, millimeterkurze Haare stimmten ebenso überein wie die breiten Schultern und sein etwas zu runder Bauch. Das, was dem jungen Habicht fehlte, war in dem älteren Weißhaupt zur Genüge vertreten: Menschlichkeit und Wärme. Und, fügte sie ihren Überlegungen hinzu, eine ganz und gar unmagische Aura. „Können wir Ihr Büro benutzen?“, fragte der Kommissar an Frau Wallraf gewandt. Sie nickte. „Aber Sie verstehen sicher, dass ich meine beiden jungen Patientinnen nicht allein lasse“, entgegnete sie. In ihrer Stimme lag die absolute Sicherheit, dass sie sich nicht aus ihren Räumen vertreiben lassen würde. Weißhaupt lächelte. „Davon bin ich ausgegangen, Frau Doktor.“ Er deutete auf die lederne Sitzgruppe neben der Tür. Camilla ließ sich sogleich nieder. Theresa zögerte einige Sekunden, sah zu Frau Wallraf und senkte den Blick. „Alles in Ordnung?“, fragte Camilla leise. Theresa nickte und setzte sich schließlich so dicht neben Camilla, dass sich ihre Beine berührten. Camilla ergriff die Hand ihrer Freundin und hielt sie fest. Der leichte Gegendruck Theresas drückte ihre Dankbarkeit aus. Weißhaupt nahm ein Tonbandgerät aus der Tasche seiner Weste, schaltete es ein und hielt es an den Mund. Er sprach eine Einleitung auf, in der er Aktenzeichen und Zeugennamen nannte. Danach legte er es auf den Glastisch. „Ich möchte Ihnen beiden Fragen stellen, die sicher nicht angenehm sein werden. Wenn es Ihnen zu viel werden sollte, geben Sie mir bitte ein Zeichen. Wir haben auch in den kommenden Tagen noch Zeit, Ihre Aussagen aufzunehmen. Es handelt sich ja nicht um ein Kapitalverbrechen, sondern nur um einen Selbstmord.“ Wirklich?, dachte Camilla. War es NUR ein Selbstmord? Wenn Theresa Recht hatte – und Camilla war sich dessen sicher – verbarg sich mehr dahinter. Als sie von Weißhaupt zu Habicht sah, fiel ihr auf, dass der junge Mann sie stumm beobachtete. Seine hellen Augen waren glasig, als sei er nicht bei sich. Dennoch spürte sie ein erdrückendes Bewusstsein, das den Raum mit seiner bösen Präsenz füllte. Die Härchen an ihren Armen richteten sich wieder auf. Theresas Griff wurde fester, schmerzhaft. Der Druck rieb die Knochen ihrer Hand gegeneinander. Ihre Nägel bohrten sich scharf in Camillas Haut und rissen sie an. Habicht hatte etwas Lauerndes an sich. Camilla beobachtete ihn, zwang sich dann mit einiger Gewalt zu anderen Gedanken und sah Weißhaupt an, bevor ihre Fantasie endgültig mit ihr durchging. Scheinbar hatte der Beamte ihre Reaktion mitbekommen, wertete sie aber offenbar falsch. „Keine Angst“, sagte er gutmütig, bevor er sich auf seine Fragen konzentrierte. „Sie sind hier nur im Urlaub, richtig?“ Theresa nickte und Camilla bestätigte leise. „Sie sind Schülerinnen aus Hessen, oder?“ „Ja, wir haben noch ein Jahr vor uns“, entgegnete Camilla heiser. Sie hatte das Gefühl, mit Habicht im Raum keine Luft mehr zu bekommen, doch sie antwortete tapfer. Weißhaupt lächelte. „Das ist doch schön. Meine Tochter hat das Abitur noch vor sich.“ Pflichtschuldig lächelte Camilla ihn an. Das Verziehen der Lippen fiel ihr immer schwerer. Habichts Blicke stachen in ihre Brust. Genau wie sich der Druck von Theresas Hand steigerte, wurde der Gedanke zu ersticken stärker. Dunstig hörte sie Weißhaupts folgende Frage. Die Worte sickerten zäh in ihren Verstand. „Dann kannten Sie sicher den Jungen auch nicht, oder?“ Camilla schüttelte matt den Kopf. Leise hörte sie Theresa verneinen. „Schreib mit, Matthias!“, drang die Stimme des Beamten in Camillas Kopf. Plötzlich ließ der erstickende Druck nach und sie konnte wieder frei atmen. Camilla sog gierig die Luft ein und fühlte sich, als sei sie einen Marathon gelaufen. Ihr Herz und die Lungen hatten sich zusammengekrampft und entspannten sich endlich, wenn auch sehr schmerzhaft. Sie empfand tiefe Dankbarkeit gegenüber dem älteren Beamten, auch wenn er es sicher nicht wahrnahm. „Also beide nicht“, kommentierte Weißhaupt, dem das unheimliche Schauspiel entgangen war. Er straffte sich etwas. „Nun kommen die unangenehmen Fragen“, sagte er entschuldigend. „Keiner war so dicht an dem Selbstmörder wie Sie. Er ist euch praktisch vor die Füße gesprungen.“ Camilla sah zu Theresa, die wieder blass wie eine Tote da saß und zunehmend stärker zitterte. Entweder bedrängte sie Habicht nun verstärkt oder sie sah alles noch einmal vor sich. Camilla schaute sich verzweifelt zu Frau Wallraf um, deren Blick sich verdüsterte. Sie sah aus wie ein Panther vor dem Sprung, ihre Mimik drückte höchste Anspannung und Sorge um Theresa aus. Die seltsame Stimmung im Raum entging auch Weißhaupt nicht. Er tauschte einen kurzen Blick mit ihr aus. Frau Wallraf erhob sich und trat zu Theresa. „Geht es, Kind?“, fragte sie sanft, während sie ihr beruhigend die Hände auf die Schultern legte. Camilla spürte die starke Ruhe, die von der Ärztin ausging. Fast schien sie Theresa gegen die Angriffe abschirmen zu können. Das Mädchen atmete mehrfach kontrolliert und schloss dann die Augen. Sie nickte. Ihr Griff um Camillas Finger lockerte sich etwas und hinterließ ein Brennen an den Stellen, in die sie zuvor ihre Nägel gekrallt hatte. Weißhaupt räusperte sich. „Vielleicht wäre etwas Wasser nicht falsch für die jungen Damen?“, fragte er Frau Wallraf. „Wollen Sie etwas trinken?“, fragte sie, ohne ihre Hände von Theresas Schultern zu nehmen. Camilla hatte eigentlich brennenden Durst, aber sie wollte das alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Theresa schüttelte den Kopf. „Gut, machen wir weiter“, sagte Weißhaupt. Er senkte die Lider und dachte einen Moment über seine Frage nach. Als er sie wieder ansah, hatte sich seine Tonlage etwas geändert. „Haben Sie gesehen, wie er gesprungen ist?“ Theresa antwortete dieses Mal vor Camilla. „Er war plötzlich in unserem Sichtfeld und schlug auf. Ich habe gesehen, wie sein Kopf auf den Platten zerplatzte und breiter wurde. Seine Augen …“, sie würgte und presste beide Hände gegen die Lippen. Sie wollte offenbar verhindern, dass Camilla etwas Falsches sagte. Die Worte aber weckten den Moment erneut. Der dumpfe, leise Aufschlag des Schädels, der unter der Haut zersprang, und die Adern, die in seinen Augen und seinem Gesicht platzten. Seine blasse Haut, die erst rot, dann blau wurde. Camilla erinnerte sich an Details, die sie am liebsten nie gesehen hätte. Einige seiner Zähne hatte der Aufprall aus seinem Kiefer geschlagen. Sie sah wieder seine Zunge, die er halb durchgebissen hatte, und die verdrehten, mehrfach gebrochenen Gliedmaßen, die durch Haut und Stoff stachen. Nun spürte Camilla, wie auch ihr alles Blut aus dem Kopf wich und Kälte in ihren Leib kroch, die für wenige Sekunden jedes Gefühl aus ihren Gliedern trieb. Sie spürte zum ersten Mal das Grauen, das Theresa schon die ganze Zeit hatte ertragen müssen. Erst Theresas panischer Aufschrei zwang sie wieder zurück in die Wirklichkeit. Sie war nicht mehr auf der Museumsinsel, stand nicht in seinem Blut. Sie saß hier, in Frau Wallrafs Büro, in Sicherheit, sofern es so etwas gab. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie all ihre Erinnerungen laut ausgesprochen hatte. Sie sah zu Theresa, die ihre Hände vor die Augen presste und hysterisch weinte. Camilla sprang auf und schloss Theresa in ihre Arme. Das Mädchen krallte sich fest und schluchzte, sie schien keine Luft zu bekommen, so hilflos wie sie keuchte. Aber ihre Freundin klammerte sich nur noch fester an sie und rieb ihr Gesicht gegen Camillas Bauch. „Wir brechen ab!“, befahl Frau Wallraf mit fester Stimme. „Das ist mehr als genug für die beiden.“ „Ich will heim, Camilla!“, keuchte Theresa atemlos. „Ich will weg von hier!“ Camilla sah hilflos zu Frau Wallraf. „Warum rufen unsere Eltern nicht an?“, fragte sie plötzlich. Angst hatte sich in ihre Stimme geschlichen und ließ sie beben. „Ich habe mit Ihren Eltern telefoniert“, sagte Habicht aufgesetzt mitfühlend. „Sie wollten sich umgehend auf den Weg hierher machen. Aber die Eltern deiner Freundin Theresa sind wohl in Urlaub.“ Camilla biss sich auf die Unterlippe. Der unterschwellig boshafte Unterton machte sie wahnsinnig. Aber er sagte die Wahrheit. Sie hatte vergessen, dass Theresas Eltern wirklich nicht zu Hause waren. Hatte er auch versucht, ihre Eltern zu erreichen? Wenn ja, würden sie bald da sein. Sie würden Camilla und Theresa Sicherheit geben und Trost spenden, denn Theresa war für sie wie eine zweite Tochter. „Bald sind meine Eltern da. Dann wird alles wieder gut“, versuchte Camilla Theresa zu beruhigen, obwohl sie spürte, dass nichts gut werden würde. Außerhalb des für sie unüberschaubaren Spiels, das Habicht trieb, lauerte etwas auf sie, unheimlich und gewaltig, und für Camilla schien es, als wäre all das erst der Anfang gewesen. Sie sah flehentlich zu Frau Wallraf. Die Ärztin erwiderte besorgt ihren Blick. „Wollen Sie ein Beruhigungsmittel haben?“, fragte sie leise. „Im Moment bin ich der Meinung, dass Sie am besten beide schlafen sollten.“ Camilla lag lange wach. Sie starrte unverwandt zu ihrem Handy, das neben ihr auf dem Kopfkissen lag. Sie hatte in den letzten Stunden immer wieder versucht, ihre Eltern zu erreichen, aber niemand hatte abgenommen. Nicht einmal der Anrufbeantworter lief, obwohl die beiden das Haus nie verließen, ohne ihn einzuschalten. Auch an das Handy ging niemand. Fast glaubte sie, ihre Versuche liefen ins Leere, und nur um ihre Idee als Unsinn zu entlarven, rief sie über den öffentlichen Münzfernsprecher in der Halle der Nervenklinik ihre Eltern an, ohne damit Erfolg zu haben. Schließlich hatte sie sich dazu entschieden, auf das zu vertrauen, was Frau Wallraf ihr gesagt hatte. Wahrscheinlich hatten ihre Eltern alles stehen und liegen gelassen und waren bereits auf dem Weg hier hinauf. Je später es wurde, desto dringender und zahlreicher wurden ihre Fragen. Warum waren sie noch immer nicht hier? Waren sie mit dem Auto unterwegs? Standen sie im Stau? Warum flogen sie nicht? Die Unsicherheit änderte sich schleichend langsam zu massiver Panik, die Camilla krampfhaft in ihr Herz einschloss. Sie sah zu Theresa, die Dank eines Schlafmittels nun endlich Ruhe fand und scheinbar zum ersten Mal an diesem Tag an nichts denken musste. Vielleicht saßen sie bereits hier, um sie in die Arme zu schließen, wenn sie beide morgen erwachten. Der Gedanke kam Camilla albern vor. Sie war schließlich kein Kind mehr und stand weitestgehend auf eigenen Beinen. Aber in dieser Situation wünschte sie sich nichts sehnlicher als ihre Familie. Ihre Sicht verschwamm leicht. Sie merkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, und verfluchte sich halblaut dafür. Ihre Kontaktlinsen rieben unangenehm. Schließlich nahm Camilla sie heraus. Sie blinzelte mehrfach, bis sie sich wieder im Griff zu haben glaubte. Sie sah zu ihrem Handy und wählte erneut die Nummer ihrer Mutter. Schon nach den ersten Klingeltönen gab sie auf. Sie wusste, dass niemand abheben würde. Wut und Verzweiflung wallten in ihr auf. Es war schon fast Mitternacht und sie waren noch immer nicht hier! Camilla warf dem Display einen zornigen Blick zu, nahm dann aber das Handy behutsam und drückte es an sich. Mit diesem Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit versanken ihre Gedanken in neblig dunklen Träumen. Der hell getünchte Flur war nicht erleuchtet. Die Fenster gegenüber ihrem Zimmer ließen das schwache Mondlicht ein und malten Muster aus Schatten auf den weißen Boden. Trotz der Pflanzen, Tische und Stühle sah alles unbelebt und bizarr aus. Camilla musste sich sehr zusammennehmen, um nicht ihrem ersten Impuls nachzugeben und sich mit Theresa in ihr Zimmer einzuschließen. Das war eine Nervenklinik! So hell und angenehm sie bei Tag aussah, so unheimlich war der alte Bau bei Nacht. Wieder nagten Fragen an Camilla. Wo waren die Stationsschwestern? Musste nicht immer jemand da sein? Nervös sah sie sich um. Camilla erinnerte sich genau, dass sie an einem Schwesternzimmer vorüber gekommen war. Sie sah noch einmal über die Schulter und betrachtete die schlafende Theresa. Camilla verharrte unschlüssig. Sie wusste nicht einmal, warum sie aus dem Zimmer wollte, musste aber mit irgendetwas ihre innere Unruhe besänftigen. Leise schloss sie die Tür hinter sich. Das Einrasten des Schlosses war nichts als ein leises Klicken, aber es kam ihr in der erdrückenden Stille wie ein Pistolenschuss vor. Sie erschrak so sehr, dass sie für Sekunden reglos stehen blieb und den Atem anhielt, um zu lauschen. Nichts regte sich. Sie konnte ihr Herz schlagen hören, sogar das Rauschen ihres Blutes, doch jedes weitere Geräusch fehlte. Sollte man nicht von irgendwoher Stimmen hören, das Geräusch der Bettfederung oder schnarchen? Mit furchtbarer Klarheit wurde sich Camilla bewusst, dass sie allein war. Sie presste die Hand gegen ihre Lippen, wagte kaum, sich zu bewegen. Ihre nackten Füße würden Lärm verursachen und sie verraten. Was würde dann passieren? Würden die weißen Wände auf sie herabstürzen? Würden die Schatten lebendig, um sie zu zerreißen? Ihr Herz raste vor Angst. Ihr Blick huschte unstet hin und her, nicht die geringste Kleinigkeit durfte ihr entgehen. Selbst die Pflanzen schienen nun bedrohlich in den Gang hineinzuragen. Sie wurden in ihrer Fantasie zu tastenden, dünnen, endlos langen Fingern, die nach ihr griffen, um ihr etwas zu nehmen … Sie wollten ihre Augen! Camilla spürte, wie ihre Angst sich zu unkontrollierter Panik steigerte. Sie konnte nichts dagegen tun. Ihre Fantasie spann eine Welt aus finstersten Albträumen, die sie zu verschlucken drohten. Dann sah sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Ein heiserer Aufschrei entrang sich ihrer Kehle. Sie wollte herumfahren und sich in ihrem Zimmer einschließen, konnte sich aber nicht regen. Jemand kam auf sie zu. Camilla kniff die Lider zusammen und ballte die Fäuste, darauf gefasst, dass sie um ihr Leben kämpfen müsse. Als sie die zerbrechliche Gestalt einer Frau erkennen konnte, entspannte sie sich. Die flachen Schuhe der Fremden verursachten leise Geräusche auf dem weißen PVC. Erleichtert atmete Camilla auf. Sie war also doch nicht allein. Als sie wenige Meter von Camilla entfernt stehen blieb, konnte das Mädchen sogar im Mondlicht das ebenmäßig schöne Gesicht der Frau erkennen. Ihre Makellosigkeit nahm Camilla fast den Atem. Die Fremde war klein, überaus zerbrechlich und hatte die Grazie und die stolzen Bewegungen einer Königin. Seidig-schwarzes Haar flutete über ihre Schultern bis zu ihren Knien herab. Das einfache graue Kleid, das sie trug, wirkte dazu völlig konträr. Camilla fühlte eine sonderbare Zugehörigkeit zu ihr. Ohne erklären zu können warum, wagte sie einige Schritte auf sie zu. Die Fremde hielt die Lider gesenkt wie eine Schlafwandlerin, wendete sich um und ging wortlos vor Camilla den Flur entlang zum Treppenhaus. Genauso still folgte Camilla ihr auf nackten Füßen. Sie begegneten keiner Schwester, keinem Arzt oder Pfleger. Aus den Zimmern drang kein Laut. Nur die weiten Säume ihrer Cordhosen schlugen um ihre Beine. Camilla schauderte bei dem Gefühl, dass noch immer das Leichenblut daran klebte und sie nun berührte. Unwillkürlich zog sie ihre Jacke enger um sich. Als sie das Treppenhaus erreichten, schlug sie den Saum ihrer Hosen um, bevor sie ihrer stillen Führerin folgte, die bereits die Stufen hinunter stieg. Camilla wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen, um das feine Band zu ihrer neuen Freundin nicht zu zerstören. Auch wenn ihr dieses Vertrauen zu einer völlig Fremden, als wäre sie ihr seit Jahren mit all ihren Geheimnissen bekannt, unbegreiflich schien. Überhaupt nahm alles um sie herum wieder die Züge eines Traumes an. Plötzlich blieb Camilla auf den Stufen stehen. In welchem Stockwerk lagen Theresa und sie? War das nicht die erste Etage gewesen? Sie sah hinauf. Ihrem Gefühl nach lief sie bereits seit drei oder vier Geschossen unablässig nach unten. Konnte es hier so viele Keller geben? Was wollte sie überhaupt in den Untergeschossen? Erst jetzt bemerkte sie die Veränderung. Die Wände waren nicht mehr der typische weiße Sichtputz, sondern gekalktes Mauerwerk. An manchen Stellen hatten sich Schimmelbeulen gebildet. Camilla fröstelte. Was sie sah, konnte nicht real sein. Das war eine Klinik, kein Abbruchhaus. Etwas berührte ihren Fuß. Camilla stieß einen spitzen Schrei aus und sprang zwei Stufen hinauf. Als sie ihren Blick nach unten richtete, huschte etwas Vielbeiniges mit Chitinpanzer über die Steinstufen. Kleine Hornfüßchen kratzten außerhalb ihrer Sicht in den Schatten über den klamm kalten Untergrund. Camilla erschrak noch mehr, als ihre Führerin plötzlich direkt vor ihr erschien und sie ansah. Leere, blutige Höhlen blickten ihr entgegen, hinter denen sich irgendetwas in wilder Hektik bewegte. Camillas Herz setzte aus, bevor es mit unsäglicher Gewalt weiter hämmerte. Dann schrie sie. Der Schrei begleitete sie in die Wirklichkeit. Schweißnass fuhr Camilla aus ihrem Traum auf und fand sich in den letzten dahinsiechenden Resten ihres Albtraumes wieder. Sie brauchte etliche Sekunden, um zu realisieren, dass sie in ihrem Krankenhausbett saß. Die Türe öffnete sich und eine junge Frau trat ein. „Alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt. Camilla nickte und sah sich dann erschrocken zu Theresa um. Vielleicht hatte sie ihre Freundin geweckt. Doch da war niemand, den sie aus seinem Schlaf hätte reißen können. Theresas Bett war gemacht und leer. Der Schrank stand einen Spalt weit offen. Der klamme Schock des Traumes saß noch in Camillas Knochen, als sie von tiefer Angst getrieben die Beine aus dem Bett schwang und die Schranktür aufriss. Panisch rückte sie den Bügel, auf dem ihre Hose hing, hin und her. Theresas Sachen waren fort. Camilla spürte, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich und das letzte bisschen Wärme. Tränen schossen in ihre Augen. Hilflos senkte sie die Lider. Theresa musste weggelaufen sein! Mit dem erdrückenden Gefühl, schutzlos ausgeliefert zu sein, kauerte sich Camilla zusammen. Sie war nun allein. |
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(c) Tanja Meurer, 2010-2011 |