Fluchbeladen Leseprobe
 
Face to Face

Rasch huschte der Stift über das Karo-Papier. Gedankenfetzen formten sich zu Worten und Bilder zu Sätzen. Schnell flossen Olivers Ideen mit der Tinte auf die Seiten. Sie manifestierten sich Stück um Stück. Wenn er schrieb, fühlte er sich frei. Seiner ausufernden Fantasie und bildlichen Vorstellungsgabe stand nichts im Weg.
Die wenigen Stunden am Abend, die er allein verbringen konnte, gehörten ihm und seinen Träumen. Diese Zeit ließ er sich weder von seinem Buchladen, noch seinen vier halbwüchsigen Geschwistern nehmen. Der Punk empfand die Ruhe und Einsamkeit entspannend. Es fühlte sich wie ein Aphrodisiakum für seine Fantasie an.
Nachdem er den ersten Ansturm der Ideen auf Papier gebannt hatte, setzte sich Oliver auf seiner Matratze auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sein Geist und die plötzliche Leere in seinem Kopf vermittelte ihm ein unangenehmes Schwindelgefühl. Für einige wenige Sekunden schloss er die Lider und wartete, bis er sein inneres Gleichgewicht wieder zurück erlangte.
Die dumpfen Klänge von „Siouxie & the Banshees“ betäubten ihn leicht. Kerzen flackerten und malten bizarre, zuckende Schatten an die Wand. Durch das undichte Gaubenfenster drang kalter Novemberwind herein und füllte sein kleines Zimmer mit klammer Luft. Der alte Gasofen verströmte Wärme, die kaum in der Lage war, die Feuchtigkeit zurück zu drängen. Oliver schauerte. Geistesabwesend rieb er über seine Arme. Am Rande seiner Wahrnehmung spürte er, wie seine Gedanken mit der Musik und dem schweren Opiumduft der Räucherstäbchen abdrifteten und er in den Grenzbereich zwischen Wachen und Schlafen sank.
Die schwere, sonore Stimme Siouxies weckte mit ihrem Song „Face to Face“ Bilder aus seinem Unterbewusstsein, die Teil seiner Geschichte waren, aber auch lang vergessene Erinnerungen. Kunstvoll verschmolz ihr Timbre Wirklichkeit mit Fantasie.
Enttäuschung schlich sich in seine umnebelten Gedanken, als er bemerkte, wie er wegdämmerte. Mattigkeit legte sich bleischwer in seine Glieder und drückte sie herab. So sehr er sich gegen den Schlaf wehrtet, es gelang ihm kaum, auch nur die Lider zu heben.
Für einen Moment blinzelte er schwach. Blauer Dunst brannte in seinen Augen. Nebulöse Gestalten wanden sich in den Schwaden des Räucherwerks, gewannen an Stofflichkeit und sanken dann wieder in einer Wolke aus Duft zu Boden um dort zu zerfaserndem Nichts zu verschwimmen.
Mit dem dumpfen Flackern des Lichtes hinter seinen halbgeschlossenen Lidern bewegten sich auch die langen Schatten im Raum. Die Temperaturen änderten sich schleichend.
Warmer Atem strich über Hals und Nacken. Feuchtigkeit berührte die feinen Härchen und legte sich wie feiner Dunst auf seiner Haut ab. Langsam kühlte die Luft aus. Oliver fror plötzlich. Ihm war bewusst, dass er sich alles nur einbildete. Das Feuer brannte im Ofen … und dennoch spürte er den Atem einer Person, dicht an seinem Körper. Ihm gelang es nicht, seine Lider noch einmal zu heben. All seine Wahrnehmungen konnten nur einem Traum entspringen.
Kalte Finger tasteten über seine Wange!
Zärtlich fuhren sie die Form seines Gesichtes nach. Dort, wo sie seine Haut berührten, blieben Bahnen geronnenen Feuers zurück, die sich in Eis verwandelten. Die Hand setzte ihre Wanderung fort über seinen Hals und seine Schulter zu seiner Brust. Oliver spürte, wie seine Haut sensibilisierte und er auf diese geisterhaften Berührungen reagierte. Erregung durchströmte seinen Körper. Gefangen in einem heißkalten Labyrinth reiner Empfindungen gab er sich der geisterhaften Hand hin. Die Stimme Steve Severins wob sich in die Laute und den Duft. Sein geheimnisvoller Liebhaber nahm die Gestalt des Sängers an …
Am Rande des Wahrnehmbaren hörte er das Kratzen schartiger Klauen auf seinem alten Teppich. Erschöpft, noch immer in den Spinnfäden seines geisterhaften Liebhabers gefangen, hob er die Lider.
Vollständig wach, fuhr er zusammen.
Dumpfe Nebel gerannen zu einer Monstrosität, deren bizarrer Leib nur noch vage humanoid war. Das Geschöpf kauerte auf dem Boden. Seine viel zu kurzen Beine hielt es an sich gezogen, während sein unsäglicher Oberkörper bis zu Oliver neigte. Einer seine knochendünnen Arme reichten bis zu ihm hinüber und berührten ihn. Die Hand des Monsters lag auf Olivers Oberschenkel und glitt langsam auf der Innenseite seines Beines hinauf.
In einem Reflex schlug er die Klauen weg. Mit aller Macht drückte er sich gegen die Wand. Er überlegte fieberhaft, wie der dem Geschöpf entkommen konnte. Einen Ausfall zu wagen, wäre glatter Selbstmord. Vorsichtig bewegte er sich nach links, um sich vorsichtig aus dem Wahrnehmungsfeld des Monsters zu schieben. Ein grotesker, augenloser Kopf, pendelte sofort an einem dünnen, langen Hals in seine Richtung. Schlimmer noch, es stieß auf Oliver hinab und verharrte dicht vor seinem Geicht!
Dieses Ding besaß keine Nase. Luft bekam es offenbar nur über sein breites, lippenloses Maul, aus dem fingerlange Haifischzähne stachen. Faulig-feuchter Atem mischte sich in den Duft der Räucherstäbchen und gerann zu etwas Übelkeit erregendem. Oliver würgte trocken.
Entsetzt drängte er sich enger gegen die Wand.
Hinter ihm gab der Stein nach! Er spürte, wie sein Körper langsam in fleischiger Hitze versank. Sein Herz setzte für einen winzigen Moment aus, nur um danach doppelt so stark zu pochen. Angst raubte ihm den Atem. Seine Finger suchten unkontrolliert Halt an Wand und Matratze. Dennoch tastete er lediglich über die weiche Masse, der er sich nicht entwinden konnte!
Panik ergriff ihn, drohte, sein Bewusstsein mit sich zu reißen. Es gab nichts, an dem sich ein Geist festklammern konnte! Sein Verstand wanderte auf dem Grat des Wahnsinns. Instinktiv schloss er die Augen, um sich vor dem Sprung über diese Klippe zu bewahren. Er roch den Atem des Monsters. Das war kein Traum, sondern die Wirklichkeit, die ihn gerade zu fressen versuchte.
Der Kopf des Monsters pendelte wieder dicht vor seinem Gesicht. Seine Schultern saßen bereits in der Masse fest.
Oliver nahm all seine Selbstbeherrschung zusammen und sammelte seine Kräfte für einen einzigen Schlag. Doch bevor er auch nur die Faust heben konnte, schoss ein fadendünner Arm aus der Amöbe. Beißende Säure rann über den Tentakel auf seine Haut und ätzte sich tief hinein. Wie ein Stahlseil zog sich der Faden zusammen! Alle Kraft wich aus ihm. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Ekelerregende Nässe rann langsam seinen Nacken und Rücken herab. Übelkeit drückte seinen Mageninhalt hinauf. Es kostete Oliver alle Willenskraft, sich nicht zu übergeben. Sekunden hielt er die Luft an, bis seine Lungen brannten. Keuchend hob er den Kopf und rang nach Atem.
Vor dem jungen Mann erhob sich das Monster auf seine grotesken Beine und rückte näher. Oliver wurde schwindelig.
Feine Fäden aus der protoplasmischen Masse der Amöbe spannten sich um Brust und Bauch. Unter dem Druck begannen seine Rippen zu knacken. Mit unbarmherziger Gewalt pressten ihm die Tentakel alle Luft aus den Lungen. Dunkle Schatten umnebelten seine Sicht.
‚War es so einfach ihn zu töten?’, dachte er erschöpft.
Er war nicht bereit zu sterben. Etwas in ihm erwachte und kämpfte. Eiserner Überlebenswille durchflutete seinen schmerz gepeinigten Körper.
Auch wenn es nur ein letztes Aufbegehren sein sollte, er würde versuchen, sich bis zu letzt zur Wehr zu setzen!
Der Stahlgriff um seine Brust ließ geringfügig nach!
Seine Lippen klafften auf. Gierig sog er die Luft in seine Lungen. Sein Blick klärte sich etwas.
Der groteske Schädel des Monsters zog sich an dem langen Hals ein geringes Stück zurück. Oliver behielt das Geschöpf im Blick. Irgendetwas veränderte sich. Trotz der Konturlosigkeit des Kopfes, las er eine Gefühlsregung darin: Verständnislosigkeit!
Für einen Moment erfüllte ihn Triumph.
Plötzlich klaffte ein einzelner Spalt in dem monströsen Gesicht auf. Ein einzelnes, knochenbleiches Auge starrte ihn an. Oliver spürte den gierigen Blick auf sich ruhen.
Der Hunger nach seiner Seele sprach aus diesem Geschöpf.
Obwohl es sich ihm nie so deutlich zeigte, kannte Oliver das Wesen! Schon als er ein Kind war, hatte es ihn in seinen Träumen heimgesucht und nach seinem Leben verlangt.
Seit Jahren schlich es am Rande seines Bewusstseins herum. Es lauerte. Jeder Moment des Schlafs war eine Einladung. Dieses Monster stammte aus der Welt hinter den Spiegel, dem Übergang zu den Toten. Er war ein Jäger jenes hoffnungslosen Ortes. Vor Jahren entging ihm ein Leben …!
‚Der Tod steht in keinem Verhältnis zu jenem Ort, an dem WIR unser Dasein fristeten’, wisperte es in Olivers Kopf. Der höhnische Nachhall verging in der Sachlichkeit des Geschöpfes. Das Bewusstsein des Wesens fühlte sich falsch an.
Schaudernd erkannte Oliver, dass sich dieser bizarr fremde Geist durch Unmenschlichkeit und vollkommene Unfähigkeit zu Gefühlen auszeichnete.
War es das, was ihn hinter den Spiegeln erwartete?
Alles was ihn ausmachte, würde verschwinden?
Der Gedanke entsetzte ihn. Alles in seiner Natur stäubte sich gegen diese Vorstellung!
„Nein, ich gehöre nicht in deine Welt“, flüsterte er heiser.
Seine Angst schnürte ihm die Kehle zu.
Das Monster neigte sich nach vorne. ‚Du …’
Schwaches Klopfen unterbrach das Geschöpf. Oliver brauchte atemlose Sekunden, um zu realisieren, dass das Geräusch von seiner Zimmertür kam.
Das Kerzenlicht flackerte. Die Helligkeit im Raum nahm zu. Feine Rauchfäden stiegen zur Decke auf. Wärme und menschliches Leben kehrte zurück.
Das Wesen presste die Kiefer aufeinander. Adern traten an seinem Hals hervor. Sie pulsierten, als würde heißes Blut durch den Leib dieses Wesens fließen. Es riss seinen Schädel herum und starrte die Tür an. Seine Muskeln spannten sich. Die Beine knickten zum Sprung ein …
Zeitgleich fielen die Tentakel von ihm ab. Oliver wurde nach vorne geschleudert! Unvorbereitet darauf, mit tauben Gliedern, sackte er zusammen.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie das Monster von ihm fort schnellte … und verschwand!
In der Sekunde zeriss der Bann. Alle Betäubung wich von ihm.
Dennoch ermattete sein Körper einen Herzschlag später wieder. Ein Jäger aus der Totenwelt hatte ihn fast verschlungen!
Erschöpft schloss er die Augen.
Schweiß rann über Stirn und Wangen. Sein Iro klebte in feuchten Strähnen an seinem rasierten Schädel. Kleine Rinnsale von Schleim und Nässe liefen über seine Wirbelsäule, die Brust und den Bauch. Als er endlich die Kraft fand an sich herab zu sehen, musste er würgen.
Ekel kroch seine Kehle hinauf und schnürte ihm die Luft ab. Seine Kleidung klebte an ihm. Feine Schleimfäden verbanden seine Finger. Er hatte den Eindruck gerade geboren worden zu sein.
*
Oliver fiel es schwer, sich zu konzentrieren und all die Eindrücke zu verarbeiten.
Er erinnerte sich nicht, je real attackiert worden zu sein. Reale Visionen kannte er. Aber das? Mühsam richtete er sich auf Hände und Knie auf. Ein weiterer Blick über seinen Körper verriet ihm, dass es sich hierbei um die Wirklichkeit handelte. Die Säureverbrennungen an seiner Hand brannten höllisch. An den Stellen, an denen der Tentakel seine Haut berührte, sah er lediglich rohes Fleisch. Der Pulli löste sich über seiner Brust in Streifen auf. Seine Haut schimmerte darunter rot. Sie fühlte sich gereizt an.
Erschrocken riss Oliver sich den soff vom Körper und schleuderte ihn von sich, bevor er wieder auf seine Matratze sank und das Gesicht in den Händen Barg.
Tränen der Angst und Hilflosigkeit rannen über seine Wangen. Er wusste, dass er nicht mehr hier sein sollte. Bislang fühlte er sich allerdings relativ sicher. Sie konnten nie die Spiegel überwinden und in der Welt der Lebenden jagen; bis jetzt!
Früher oder später würden sie ihn bekommen. Trotzdem wehrte sich alles in Oliver gegen diese hoffnungslose Situation. Seine kleinen Geschwister brauchten ihn noch. Er war schließlich das Familienoberhaupt. Auf seinen Schultern lastete auch ihr Schicksal. In erster Linie sorgte er sich um ihre Sicherheit. Wenn diese Jäger ihn suchten, würden sie vor seinen Brüdern und Elli nicht halt machen, wenn die Kinder in irgendeiner Weise zu einer Gefahr für diese Geschöpfe würden! Oliver presste die Lippen aufeinander und strich sich mit beiden Händen über die Augen. Er würde eine Lösung finden!
Schließlich war er nicht allein!
Der Dielenboden bebte leicht. Schritte vor der Türe? Oliver lauschte überrascht. Das Klopfen vorhin war keine Einbildung! Einer seiner Brüder musste wohl Nach Hause gekommen sein.
‚Wunderbar’, dachte er. ‚Und ich sehe aus, wie ausgekotzt!’
Ohne anzuklopfen trat Michael ein.
Oliver blickte zu seinem jüngeren Bruder auf.
„Was machst du denn hier?“, fragte er. Seine Stimme klang falsch in seinen Ohren. Träge und kraftlos rannen die Worte über seine Lippen, als habe er bis eben noch geschlafen.
Oliver wusste, dass er sich im Ton vergriff. Trotzdem entschuldigte er sich nicht.
Befremdet hob Michael eine Braue. Er strich sich das lange, schwarze Haar aus der Stirn.
„Geht es dir gut, Olli?“, fragte er unsicher. Vorsichtig trat er näher und kniete sich nieder.
Oliver presste die Lippen aufeinander. Noch immer rann Schweiß über seinen Körper. Michael sah sicher die Verletzungen und die Tränenspuren. Vermutlich dachte sein kleiner Bruder gleich an das schlimmste.
Was sollte er sagen?
„Olli?“, fragte Michael sanft. „Hast Du Probleme mit irgendwelchen Skins?“
„Nein“, erwiderte Oliver sanft. Er versuchte zu lächeln. Deutlich las er auf dem Gesicht seines Bruders wie kläglich es misslang.
Michael senkte den Blick und biss sich auf die Unterlippe.
„Nimmst Du wieder …?“
„Nein.“ Olivers Stimme klang belegt und versagte ihm den Dienst. Zweifelnd betrachtete Michael ihn.
Oliver schüttelte bekräftigend den Kopf und sah seinen Bruder an.
„Mach dir darüber keine Gedanken“, sagte er eindringlich, wobei er Michaels Kinn anhob und ihn zwang seinen Blick zu erwidern. „Drogen nehme ich nie wieder, klar?“
Michael nickte.
„Trotzdem siehst du absolut übel aus.“
‚Klar’, dachte Oliver. ‚Mich hat gerade eine Amöbe gefressen und wieder hoch gewürgt.’
„Ich hatte nur wieder eine Vision“, erklärte er und lehnte sich gegen die Wand. Trotzdem wendete er den Kopf um sicher zu sein, dass der Stein sich nicht wieder zersetzte. Natürlich erwartete ihn nicht das elende Protoplasma.
Michael entging die Reaktion nicht.
Argwöhnisch sah er seinen Bruder an.
„Ich habe geträumt, dass mich die Wand verschlingt!“, entgegnete Oliver etwas zu heftig.
Michael zog die Brauen zusammen. Scheinbar schob er den Gedanken von sich. Er lehnte sich neben seinen Bruder an die Wand.
Oliver sah ihn an. Bevor er Michaels bohrende Neugier umleiten konnte, deutete sein Bruder auf den Teppich.
„Was ist denn damit passiert?“, fragte er und stieß sich von der Wand ab.
Oliver folgte seiner Bewegung.
Ein eisiger Schauer rann über seinen Rücken. Die Klauen des Jägers hatten den Nadelfilz und die alten Dielen darunter aufgerissen!
Nun konnte er nur noch auf Michaels Verständnis und seine Sensitivität gegenüber der Welt der Geister bauen.
Oliver zog seinen Bruder an der Schulter zu sich und sah ihm eindringlich in die Augen.
Er konnte Michael nicht belügen.
„Das war keine Vision, Micha“, sagte er leise.
Die hellen Augen seines Bruders weiteten sich. Der Unglaube wich der Erkenntnis und kaltem Schrecken.
„Du meinst“, begann er und schlug dann die Hände vor den Mund.
Oliver nickte.
„Die Geisterwelt hinter den Spiegeln hat einen Weg in unsere Welt gefunden.“
*
Schweigend beobachtete Oliver seinen Bruder.
Michael saß am Küchentisch. Sein abwesender Blick signalisierte, dass er über die Situation nachdachte. Seine introvertierte Art beunruhigte Oliver. Nervös fuhr er sich mit der Hand über die Stirn.
Michael sah auf, als habe er die Gefühle seines Bruders wahrgenommen. Nach einigen Sekunden verlor sich sein Blick wieder an einem Punkt jenseits der Realität.
Oliver wendete sich ab und befüllte den Wasserkessel. Mit kleinen Blicken versicherte er sich ständig wieder, dass Michael immer noch in seinem stummen Denkprozess gefangen war.
Während er den Gasherd anstellte, spürte er eine leichte Berührung an seinem Hosenbein. Er hob die Brauen und sah hinab.
Seine Häsin kauerte neben ihm und beobachtete ihn vorwurfsvoll.
„Opa, hat dich denn keiner gefüttert?“, fragte er.
Das Tier stellte sich auf die Hinterbeine und schabte mit ihren Vorderläufen auffordernd an seiner Hose.
Mit einem kurzen Blick zu Wasserschale und Fressnapf beantwortete sich Oliver die Frage selbst. Offenbar hatte jeder die dicke Hasendame vergessen.
Ruhig erhob er sich und öffnete den Kühlschrank.
Der kümmerliche Rest einer Gurke lag darin.
„Dicke“, begann er. „Für Dich heißt es: den Leibriemen enger schnallen.“
Opa klopfte verärgert mit den Hinterläufen auf den alten Plattenlinoleumboden. Zeitgleich klapperten ihre Zähnchen verärgert aufeinander.
Über die dreizehn Jahre, die Opa ihm nun gehörte, stellte Oliver immer wieder fest, dass ihn seine Häsin offensichtlich gut verstand.
Er wusch das Endstück der Gurke und reichte es ihr hinab, füllte dann aber den Fressnapf noch mit Trockenfutter auf. Begeistert ließ Opa die Gurke fallen und hüpfte quer über Michaels Füße zu ihrer eigenen kleinen Küchenoase.
Olli beobachtete sie eine Weile beim Fressen. Ihre Augen quollen gierig hervor. Die breiten Flanken bebten. Scheinbar gab es für sie keine größere Lust, als die Futteraufnahme.
Zärtlich strich Oliver ihr über den Rücken. Der große Stallhase ließ diese Störung nur ungern über sich ergehen. Sie versuchte immer wieder seiner Hand auszuweichen. Mal drückte sie die Wirbelsäule durch, mal legte sie ihre Löffel an.
„Ist okay, hab’ dich verstanden!“, knurrte Olli und erhob sich. „Madame will beim Fressen ungestört bleiben.“
„Olli?“
Michael brach das Schweigen endlich. Offensichtlich hatte er die Betrachtung der Angelegenheit aus seiner Perspektive abgeschlossen.
Langsam erhob sich Oliver und trat zur Anrichte. Mit geübten Fingern bereitete er den Kaffeefilter und die beiden Tassen vor. Das Wasser begann zu sieden. Aus dem Kessel drang ein gleichmäßiges Rauschen.
„Was ist aus deinen Überlegungen heraus gekommen?“, fragte er.
„Diese Wächter sind Geschöpfe, die Seelen fressen, oder?“, versicherte sich Michael.
Oliver wiegte den Kopf.
„Das erste Mal habe ich sie wahr genommen, als wir hier eingezogen sind“, gestand Oliver. „Direkt nachdem wir aus der Klinik entlassen wurden und ich immer noch diese ganzen Horrorvisionen im Kopf hatte, begann das alles.“
Er musterte das ernste, hübsche Gesicht seines kleinen Bruders.
Michael schwieg einige Sekunden. Sein Blick richtete sich bereits wieder nach innen, wie Oliver besorgt fest stellte.
Langsam schüttelte Michael den Kopf.
„Meiner Ansicht nach gab es diese unheimlichen Erscheinungen schon vorher.“
Fragend hob Oliver die Brauen, sagte aber nichts. Das Wasser kochte. Rasch hob er den Kessel an, bevor etwas aus der Zaute spritzen konnte.
„Ich habe in den Jahren vorher schon immer seltsame Personen gesehen, die wie verwirrte Besucher durch das Haus und die Buchhandlung schlichen …“
Oliver fuhr herum. Wasser ergoss sich über Anrichte und Boden. Seine Nackenhaare richteten sich auf. Er spürte den Hauch der Angst, die sein Herz umklammerte.
„Was?!“, rief er entsetzt. „Wie sahen sie aus?“
„Einige stammten aus dem 19. Jahrhundert“, erklärte Michael vorsichtig.
Oliver spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
Diese geisterhaften Erscheinungen kannte er ebenso. Sie begleiteten ihn, verfolgten ihn sogar seit der ersten Minute, die er dieses Haus betreten hatte. Mit einigem Schrecken verdeutlichte er sich, dass er diese Geschöpfe bereits weit vor der Geburt seiner jüngeren Geschwister sah.
Das erste Mal konnte er sich an ein Mädchen erinnern. Eine Schleife zierte ihr schwarzes Haar. Ihr Name war Ruth; eine kleine Jüdin, wie Oliver später heraus fand. Sie begegnete ihm zum ersten Mal, als er vier war, zwei Jahre vor Michaels und Christians Geburt. Seither begegneten ihm hunderte dieser Geister. Einige waren freundlich und offen, wie Ruth, die bis heute ein fester Bestandteil in Olivers Leben war, andere waren gramgebeugt, rachsüchtig, wahnsinnig oder scheu.
Aber sie alle wurden von diesen Wächtern in die Zeitlosigkeit zwischen Leben und Tod gesperrt.
„Du siehst sie auch“, bestätigte Oliver leise.
Michael nickte.
„Die Wächter sind ungleich schlimmer“, erklärte er tonlos. „Sie bewachen die Geister, die wir beide sehen können und jagen mich.“
Michael hob den Kopf und sah Oliver aus verständnislosen Augen an.
„Woher weißt du über diese Wesen so viel?“
In seiner Stimme schwangen leichter Ärger, aber auch Angst mit.
Oliver wich seinem Blick aus. Nervös suchte er nach einem Lappen, um die Überschwemmung, die er angerichtet hatte, zu beseitigen. In der Spüle fand er einen Schwamm und begann gründlich Anrichte und Boden zu trocknen. So gewann er wertvolle Sekunden, in denen er sich überlegen konnte, wie er antworten sollte. Michael mit der Wahrheit zu konfrontieren wäre sicher die beste Lösung. Trotzdem gab er damit ein Geheimnis Preis, dem er sich bis heute selbst nicht stellen wollte.
Der Gedanke an jene Nacht zuckte blutig und kalt durch sein Bewusstsein. Unwillkürlich presste er die Lippen zusammen und fühlte zeitgleich den gleißenden Schmerz der Klinge, die Dicht neben seinem Hals durch Knochen und Muskeln fuhr. Die lange Narbe brannte plötzlich, als klaffe sein Fleisch ein weiteres Mal auf.
Unbewusst presste er den Schwamm gegen die rechte Schulter.
Auch damals kauerte er so da. Blut quoll durch seine Finger und troff auf den Teppich. Hinter seiner Stirn rasten die Gedanken. Er sah die Klinge, die ein weiteres Mal auf ihn nieder fuhr. Der Schmerz explodierte zwischen Halsmuskel und Schlüsselbein. Dieses unerträgliche Gefühl holte ihn aus der Lähmung, die seinen Geist befiel, zurück!
Er musste Elli und Marc beschützen! Dieses Monster dürfte sie nicht töten! Oliver würde kämpfen! Gewinnen konnte er nicht. Das war ihm klar. Ein Zwölfjähriger bestand nie gegen einen erwachsenen Mann. Aber er musste es versuchen! Michael und Christian waren bereits in Sicherheit. Nun nur noch Elli und Marc. Was danach geschah, war ihm gleichgültig. Nur die beiden Kleinen hatten noch nicht einmal angefangen zu leben …!
Er raffte das blutige Bündel, Elli, aus ihren Kinderbettchen und trat nach dem Schienbein des Mannes.
Im Grunde war die Aktion so sinnlos. Sein Gegner war einen Meter größer als er und wog weit über das doppelte. Zudem war er sportlich und trainiert im Kampf mit Waffen aller Art.
Oliver wunderte sich umso mehr, dass er Erfolg zu haben schien. Sein Gegner zögerte bei dem nächsten Stoß. Oliver war nicht klar, ob er an ihm vorüber in Marcs Zimmer gelangen würde. Dennoch versuchte er es. Ungeschickt tauchte er unter dem Arm des Mannes hindurch und petzte dabei die Augen zusammen. Adrenalin flutete durch seinen Körper und ließ ihn alle Schmerzen vergessen, zumindest für eine kurze Zeit.
Die Tür zu Marcs Zimmer stand offen. Oliver stieß sich mit einem verzweifelten Schrei ab. In diesem Moment schrammte die Klinge ein weiteres Mal über seinen Körper und zerschnitt ihm den Rücken. Im Vergleich zu den ersten zwei Stößen war der Schmerz unerheblich. Es war nur Haut, nichts sonst! Trotzdem brach die Pein seine Kraft und Entschlossenheit. Er taumelte in das Kinderzimmerchen und fiel vor dem Babybett auf die Knie.
Marcs Gesichtchen schaute durch die Stäbe. Seine hellen Augen waren stumpf rot und die Wangen tränennass. Die sonst so starke Stimme klang heiser und flach. Er röchelte nur ncoh. Oliver wusste nicht, wie lang sein jüngster Bruder geschrien haben musste. In der Panik und dem Blutbad ging das Stimmchen Marcs einfach unter.
In den Augen des Kleinkindes stand Unverständnis und panische Angst. Marc streckte sein Händchen durch das Gitter zu Oliver und Elli. In der Sekunde fiel der Schatten ihres Vaters über sie …
„Oliver!“, schrie Michael panisch. Seine Stimme schnappte über.
Langsam, ganz schwach, gerann das Bild von Blut und uralten Ängsten zu der Küche seines Großvaters.
Oliver saß auf dem Boden, die Hand mit dem Schwamm noch immer gegen seine Schulter und Brust gedrückt. Michael kniete über ihm. Plötzlich spürte Oliver, wie sein jüngerer Bruder ihn mit beiden Armen umschlang und sich an ihn drückte.
Nach und nach klärte sich sein Verstand wieder.
Die Luft entwich seinen Lungen. Er entspannte sich. Jeder Muskel brannte wie Feuer, sein Haut, als wären die alten Wunden wieder offen. Trotzdem er fing sich langsam wieder. Der Schwamm entglitt seinen Fingern. Obwohl er Michael umarmen wollte, fehlte ihm die Kraft dazu. Sein linker Arm fühlte sich taub und schwer an.
„Micha“, bat er dumpf. „Drück’ mir nicht ganz die Luft ab, okay?“
Sein Bruder ignorierte den Kommentar. Im Gegenteil drängte er sich nur noch fester an Oliver.
Tränen rannen über Olivers Schulter und seine Brust. Sie versickerten in den langen, dunklen Haaren seines Bruders.
Oliver rang nach Atem und zwang seinen rechten Arm, sich um Michaels Rücken zu legen.
„Beruhige dich“, flüsterte er sanft.
Sein Bruder schluchzte trotz allem ungehemmt.
„Was war eben mit mir?“, fragte Oliver leise.
„Du bist zusammengebrochen und hast vor Schmerzen geschrien“, erklärte Michael atemlos. „Für einen Moment habe ich gesehen, wie all die Wunden wieder auf gingen und bluteten.“
Erschrocken fuhr Oliver zusammen. Seine linke Seite war nass. Allerdings stellte er Fest, dass es nur Wasser war.
Erleichtert atmete er auf.
„Du hast die Nacht noch einmal erlebt“, flüsterte Michael.
Oliver nickte.
„Aber warum?“, keuchte Michael. „Das ist Jahre her! Deine Alpträume waren weg …“
„Du hast nach den Wächtern gefragt“, unterbrach Oliver ihn. „Damals tauchten sie zum ersten Mal auf. Ich habe sie in unserem Haus gesehen und danach in den Folgewochen in der Klinik. Sie waren da, lauerten ständig …“
Oliver rang nach Luft. Ihn kostete es alle Kraft weiter zu reden.
„In der Nacht starb ich an den ganzen Wunden.“
*
Michaels Blick verriet weniger Schrecken oder Angst.
Ruhig begegnete er Oliver.
„Erzähl’ bitte weiter.“
Oliver schloss die Augen und nickte.
„Meine Seele geriet in ihre Welt hinter den Spiegeln. Ich war eine Seele, die an das Diesseits gebunden schien. Der Mord an mir hielt mich und zwang meine Seele in ihre Gefangenschaft.“
„Aber im Krankenwagen wurdest du wieder reanimiert …“, insistierte Michael.
„Das stimmt. Anhand der Verwundungen hätte ich es nicht überleben dürfen. Das sagten mir auch alle Ärzte, als ich entlassen wurde.“
Michael atmete unsicher ein. Seine Wangen glänzten von seinen Tränen.
Als er nicht reagierte, setzte Oliver seine Erzählung fort.
„An diesem Ort gibt es Begriffe wie Zeit und Raum nicht. Es ist der dunkle Spiegel des Ortes, an dem man stirbt. Man kann ihn nicht verlassen. Er weitet sich auf unerklärliche Weise zu Deiner ganz eigenen Alptraumwelt aus und nimmt Masse der Unendlichkeit in Anspruch. Du kannst herumirren - über weite Strecken wandern - und dennoch bleibst du an dem Ort, der dein Grab ist. Schattenhaft streifen die Lebenden Deine Welt und verwehen zu etwas Geisterhaftem. Sie sind unbedeutende Bruchstücke in der Wirklichkeit eines Toten.“
Er versuchte zu schlucken. Sein Mund fühlte sich trocken an. Tief in ihm bohrte die Sehnsucht nach einer Zigarette.
„Damals war ich nicht allein an diesem Ort …“ Oliver ballte die Faust. „Das, was ich die Wächter nenne, war dort in jedem Raum. Sie lauerten auf Seelen, die auszubrechen versuchten, zerrissen und zerfetzten alles, was ihnen in die Quere kam und bemächtigten sich unvorsichtiger Seelen.“
„Dann gab es mehr Geister an diesem Ort?“, fragte Michael fassungslos. „Das Haus war doch damals ein Neubau …“
„Ich weiß.“ Oliver nickte zustimmend. „Damals war das alles Wiese und Feld. Aber vor Jahrhunderten gab es dort Ansiedlungen oder Bauten. Mir begegneten viele Seelen. Einige waren wohl aus dem Mittelalter, andere aus der Antike …“ er verstummte und senkte die Lider.
Tatsächlich sah er die vergessenen Seelen, die umher irrten, Wahnsinnig von diesem Ort, der eher einer Hölle glich.
„Wie kamst du zurück?“, fragte Michael.
Oliver senkte den Kopf. Er wusste es nicht genau. Bevor er aus dem Reich gedrängt wurde, glaubte er die vertraute Stimme seiner Mutter zu hören. Die Worte klangen unartikuliert und falsch, aber das Gefühl was sie vermittelten brannte sich nachhaltig in sein Herz.
*
Oliver fiel es schwer, Michael in die Augen zu sehen. Die Unsicherheit und die schrecklichen Erinnerungen an die erstickende Unendlichkeit hinter den Spiegeln betäubten ihn.
Nach einigen Sekunden befreite er sich aus Michaels Armen und schob ihn ein Stück weit von sich.
„Jemand hat mir geholfen. Ich sollte leben …“ Er unterbrach sich. Michael sah ihn fragend an.
Unwillig schüttelte Oliver den Kopf. „Zumindest glaube ich, dass es so war.“
„Warum hast du nie von all den Dingen gesprochen?“, fragte Michael leise. Seine Stimme klang vorwurfsvoll.
„Das kann ich dir schwer erklären“, murmelte Oliver.
„Versuch’ es!“, forderte Michael ihn auf und erhob sich.
Schwerfällig streckte Oliver sich. Seine Glieder wogen mehr denn je und gehorchten seinem Willen kaum noch.
Die Taubheit in der linken Hand wollte auch nicht weichen. Vielleicht sollte er lieber schlafen gehen, überlegte Oliver, während er sich mühsam an der Anrichte hoch zog.
Er verschob den Wunsch, nachdem sein Blick die entschlossene Miene Michaels ein fing.
„Anfangs“, begann er. „War ich mir sicher, ihr würdet mich sofort in ein Irrenhaus einweisen lassen.“
Er drehte sich um und goss mit dem Rest Wasser den Kaffee auf. Die Blicke Michaels stachen in seinen Rücken.
„Wie hättest du mit deinen knapp acht Jahren damals auf meine Worte reagiert, Micha?“, fragte Oliver ernst, ohne sich umzudrehen.
„Ich weiß nicht“, entgegnete sein kleiner Bruder. „Vermutlich hätte ich Angst bekommen, noch größere, als ich so schon hatte.“
Oliver hob die Brauen und nickte.
„Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig gewesen.“
Sein Bruder lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Oliver bemerkte, wie Michael versuchte, seinen Blick aufzufangen
Er tat ihm den Gefallen. Der Ernst in den Augen Michaels traf Oliver mehr als er erwartete.
Unwillkürlich musste er schlucken.
„So kurz nach dieser Höllennacht wären du und Chris durchgedreht“, murmelte Oliver. Seine Stimme klang belegt.
„Wir waren die einzigen, die halbwegs unverletzt davon kamen“, bestätigte Michael tonlos. „Ein gebrochenes Bein bei Chris und ausgekugelte Schultergelenke bei mir.“
Oliver stellte den Kessel ab und streichelte seinem Bruder über Wange und Haar.
„Von deinen Visionen wusste ich auch nichts.“
Betreten senkte Michael den Kopf.
„Ich weiß. Chris nimmt das bei mir nie ernst. Deshalb dachte ich …“
Oliver zog seinen Bruder an sich und hielt ihn fest.
„Schon gut“, flüsterte er beruhigend und küsste Michaels Stirn. „Das Vertrauen, was uns bislang fehlte, ist ja jetzt da.“
Michael nickte leicht. Oliver spürte, wie sich sein Bruder an seine Schulter lehnte.
Ausgesprochen schien noch lange nicht alles, aber Michael gab sich vorerst damit zufrieden.
*
Obwohl Oliver zu schlafen versuchte, fand er in der Nacht kaum Ruhe. Das Erlebnis mit dem Wächter verfolgte ihn hinter seine geschlossenen Lider. Er spürt immer wieder die Nähe des Wesens. Ebenso glaubte er, die lebendige feuchte Wärme der Wand hinter seinem Rücken wahr zu nehmen. Unwillkürlich rückte er ab. Als das Gefühl zu erdrückend wurde, zog er die Matratze weiter in den Raum hinein.
Sie beobachteten ihn nur. Selbst der Angriff – dessen war sich Oliver sicher – war nichts anderes als ein Schreckschuss.
Seiner Erinnerung nach, besaßen diese Geschöpfe weitaus stärkere Fähigkeiten. In der Welt hinter den Spiegeln sah er, wie wenig selbst eine alte Seele gegen sie auszurichten vermochte. Die Wächter zerrissen selbst ihresgleichen in rasender Geschwindigkeit …
Er konnte sich ihr momentanes Verhalten nur darin erklären, dass ihre Befugnisse nicht sonderlich weit über die Grenzen ihrer Welt hinaus reichten.
Vielleicht konnten sie ihn bedrohen, einschüchtern und verwunden, aber konnten sie ihn auch töten, um ihn endgültig hinter die Spiegel zu bannen?
Seine Gedanken begannen sich anhand dieses Themas im Kreis zu drehen. Eine Antwort würde er kaum aus ihrer Aktion heraus lesen können. Antworten fand er auch nicht, indem er sich die Bilder immer wieder vor Augen rief und seine Gefühle analysierte.
Ärgerlich setzte er sich auf und fuhr sich unwillig mehrfach mit den Fingern über Augen und Stirn, bevor er sie in sein Haar vergrub.
Er konnte nicht schlafen. Das war Fakt. Obwohl sich sein Körper geschwächt und schwer anfühlte, fand er keine Ruhe.
Schließlich erhob er sich und nahm ein paar frische Kleider aus seiner Truhe.
Er beschloss Duschen zu gehen und sich im Anschluss an die unerledigte Buchführung für seinen Laden zu setzen.
In spätestens drei Stunden musste er ohnehin aufstehen, um Michael und Christian das Essen für den Samstagmittag vorzubereiten und danach den Buchladen öffnen.
*
Opa saß vor der Badewanne und knabberte an der Fußmatte herum. Oliver bemerkte die Häsin eigentlich nur insofern sie ihm zeitweise bei den Handgriffen in dem beengten, alten Bad im Weg hockte.
Er kämmte gerade seine Iro zur Seite und bürstete den hüftlange, dünnen Zopf aus, als er jemand an der Eingangstür hörte.
„Pst, sei leise!“, zischte Christian auf dem Flur.
Eine Antwort blieb aus.
Oliver drückte die Klinke herab und spähte hinaus.
Michaels Zwilling hantierte ungeschickt an dem Griff seiner Schlafzimmertür. Aufgrund seiner unbeholfenen Bewegungen schätzte Oliver, dass Chris angetrunken war. Kleidung und schwarzes, langes Haar waren zerzaust. Vermutlich diente sein langer Ledermantel in den letzten Stunden im Basement als Fußabtreter. Oliver rollte ärgerlich mit den Augen. Trotzdem würde es jetzt nicht passen, ihm eine Szene zu machen. Er war nicht allein. Hinter ihm stand ein anderer Goth mit langem, dichtem Lockenhaar. Der junge Mann war kleiner als Chris, etwas zierlicher und – soweit Oliver das beurteilen konnte – besser gekleidet.
Dennoch wollte er seinen Bruder nicht einfach so mit einem hübschen Jungen in einem Zimmer verschwinden sehen.
Er räusperte sich.
Chris entspannte sich und sah über die Schulter. Oliver sah ihm an, dass der letzte Drink zu viel war.
„Moin-moin“, begrüßte Christian ihn.
„Ich dachte, du wärest übernacht bei Freunden“, entgegnete Oliver ernst und lehnte sich in den Türrahmen.
Chris verzog sein hübsches Gesicht und grinste verlegen.
„Jamal hat seinen Schlüssel verloren“, sagte er mit erstaunlich fester Stimme.
Der junge Mann wendete Oliver nun verlegen das Profil zu.
In dem schwachen Licht, das hinter dem Punk aus dem Badezimmer auf den Flur fiel, erkannte er das klassisch schöne Profil eines jungen Arabers.
„Guten Morgen“, murmelte er unsicher, wobei er nicht wagte, sich ganz umzudrehen.
Trotz des schlechten Lichts, erkannte Oliver ihn wieder. Der Junge kam während seines Abiturabschlussjahres an die Schule. Er wurde von einigen älteren Schülern zu Anfang gehänselt. Oliver vermutete damals, dass es an seiner Nationalität oder seinem blasierten Oberschichtverhalten lag. In den Pausen und nach dem Unterricht passten einige der Jungen Jamal ab. Offensichtlich wollten sie den Araber in die Enge drängen. In jedem Fall eskalierte die Situation. Als die Gruppe auf den Jungen einschlug und ihn die Treppen der Schule zur Bibliothek hinab stoßen wollten, griff Oliver ein.
Vermutlich reichte sein Ruf bereits aus, die Jungen zu vertreiben; möglicherweise die Tatsache, dass er ein Punk war und sich auch in der Schule mit Iro und Kettengürtel zeigte. In jedem Fall blieb nur der kleine, blutüberströmte Jamal zurück, dessen Stolz es offenbar nicht zuließ, auch nur eine Träne zu weinen.
Oliver erinnerte sich sehr genau an diesen Jungen …
„ … da dachte ich, schlafen wir hier“, erklärte Christian in Olivers Gedanken hinein.
Abwesend nickte der Punk. Ihm fiel es schwer, sich zu fassen. Die Anwesenheit Jamals machte Oliver aus irgendeinem Grund nervös.
„Dürfen wir?“, fragte Christian nachdrücklich.
Oliver ignorierte den Bettelblick und streifte den unsicheren Jamal.
„In Ordnung! Aber seid leise“, ermahnte er Chris streng. „Micha ist da und schläft.“
Christians Mimik gefror. „Wie, Micha ist da?“, wiederholte er kalt. In seiner Stimme schwang leichter Ärger mit.
Oliver nickte. „Ja, ist er!“
Er wies auf die andere Flurseite. „Dein Freund kann in Ellis oder meinem Zimmer schlafen.“
„Warum?!“, insistierte Chris. Er klang deutlich beleidigt.
„Weil ich von dir so viel Anstand erwarte, dass du Michael in Ruhe lässt und weder Elli noch mir das Bett zuwichst!“
Chris schnappte erschrocken nach Luft. Oliver bemerkte, wie ihn der Blick seines Freundes streifte. Das kurze Zucken, das durch den schmalen Körper lief, verriet ihm, wie wenig er von Christians Hintergedanken geahnt haben konnte.
„Ich glaube, es wäre klüger meine Mutter aus dem Bett zu klingeln“, lenkte Jamal ein.
Christian spannte sich. Die Wut in ihm ballte sich zu massivem Zorn auf Oliver. Allerdings konnte er seinen Bruder nun nicht einfach angreifen. Chris gab sich selten solch eine Blöße. Darauf baute Oliver.
„Geh schlafen, Chris!“, sagte er bestimmt. „Wir reden später darüber!“

(c) Tanja Meurer, 2010-2011