Die lebenden Träume Leseprobe

 

Prolog

Nur mit einer Taschenlampe bewaffnet stand Kim im Eingangsbereich des verfallenen Gebäudes und versuchte sein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Staub und abgestandene Luft schwängerten den Raum, und der muffige Geruch steigerte seine Übelkeit. Ein leichtes Schaben war zu hören, dann huschte etwas über seine Füße. Kim ließ vor Schreck fast die Taschenlampe fallen und wich zurück. Eine Spinne! Sie flüchtete sich unter einem Pappfetzen, doch er hatte das Gefühl, von ihr aus der Dunkelheit heraus beobachtet zu werden. Schon als er über die zugemooste Mauer geklettert war und das zugewucherte Grundstück betreten hatte, hatte er geglaubt unter ständiger Beobachtung zu stehen. Manchmal schienen im fahlen Mondlicht Silhouetten hinter Bäumen aufzutauchen, doch kaum wollte Kim sie genauer betrachten, waren sie verschwunden. Der Weg von der Wiesbadener Innenstadt bis zu der alten, verfallenen Villa, die wie ein dunkler Riese zwischen den mächtigen Bäumen aufragte, hatte ihn zu einem angstschlotternden Bündel gemacht. Wenn ihn sein Freund Florian jetzt sehen könnte, würde er ihn gewiss einen Feigling schimpfen. Aber dieser wartete gemeinsam mit Chris an der Mauer, außerhalb des verlassenen Grundstücks auf ihn. Wieso nur hatte er sich zu dieser idiotischen Mutprobe hinreißen lassen? Mitten in der Nacht in ein Geisterhaus einsteigen und etwas als Beweis dafür zu stehlen, dass er hier gewesen war, war vollkommen absurd. Energisch schüttelte Kim den Kopf. Er würde diese Mutprobe bestehen und es ihnen zeigen! Irgendetwas würde er schon finden, um Florian von sich zu überzeugen!
Trotzig trat er über die Schwelle und wurde gänzlich von der stickigen Luft umhüllt. Kurz ließ er den Lichtschein über den Boden huschen. Die alten Dielenböden waren größtenteils zerstört. Ein Pfosten war irgendwann umgefallen und hatte einen großen Teil des Fußbodens mit weggerissen. Durch das Loch konnte Kim hinab in den Keller leuchten.
Plötzlich knarrte in seiner Nähe eine Tür. Erschrocken leuchtete er nach rechts, direkt in das pelzige Gesicht einer Ratte. Sie fauchte ihn verärgert an, sprang sogar in seine Richtung, floh dann jedoch durch ein Loch in der Wand.
„Nur die Ruhe. Hier ist alles in Ordnung!“, flüsterte er sich selbst Mut zu. Seine Hände waren schweißnass, und mit weichen Knien tastete er sich vorsichtig über den Boden. Er traute der Stabilität der Dielen nicht und rechnete in jedem Moment damit, dass sie unter ihm wegbrachen. Doch stattdessen flohen immer mehr krabbelnde Insekten vor ihm in die Nischen und Ritzen der Wände.
Mit rasselndem Atem erreichte er schließlich eine angelehnte Tür, die in einen Nebenraum führte. Fahrig wischte er sich eine Haarsträhne aus dem schweißnassen Gesicht. Dann wollte er vorsichtig die Tür öffnen, doch schon nach wenigen Zentimetern stieß das Türblatt auf einen Widerstand. Irgendetwas blockierte den Eingang. Kim schluckte, nahm dann seinen Mut zusammen und versuchte sich mit mehr Kraft gegen das alte Holz zu stemmen. Modrig riechender Staub stieg auf, doch die Tür rührte sich keinen Millimeter.
Er fluchte leise und wollte gerade zurückgehen, als er ein Geräusch vernahm. Augenblicklich verharrte er. War das ein Stöhnen gewesen? Waren das Geister? Entsetzt lauschte er in die Dunkelheit. Doch das Einzige, was er hörte, war sein eigener Herzschlag und das Klappern seiner Zähne.
Im nächsten Moment huschte etwas an seinem Bein hoch. Er schlug danach und wischte irgendein Insekt von seiner Hose. Mit einem klatschenden Geräusch landete es auf dem Boden, während Kim hektisch in alle Richtungen leuchtete.
Er hasste Insekten! Und hier schienen sie aus allen Ecken zu kriechen und über ihn herzufallen. Ein Schauer kroch über seinen Rücken, als er an die vielen kleinen Beinchen dachte.
Um sich Mut zu machen, richtete Kim die Taschenlampe auf die Treppe. Sie sah zwar mitgenommen, doch ausreichend stabil aus, um ihn zu tragen. Vielleicht gab es im ersten Stock weniger Krabbeltiere und er war vor weiteren Attacken sicher! Zudem musste er etwas finden, das er als Beweisstück mitnehmen könnte, und es würde gewiss kein modriges Stück Holz sein! Hier unten war zu viel zerstört, vielleicht gab es im ersten Stock einige Dinge, die er mitnehmen konnte. Ehe ihn seine aufkeimende Panik vom Gegenteil überzeugen konnte, schlich er behutsam auf die Treppe zu und glitt die ersten Stufen nach oben.
Das Knarren des Holzes und aufgewirbelter Staub begleiteten ihn, als er den ersten Stock erklomm. Nur einmal brach unter ihm die Stufe leicht weg, doch Kim konnte sich am Geländer festhalten. Als er endlich oben ankam, sank er keuchend auf die Knie. Er fühlte sich, als hätte er einen anstrengenden Endspurt hinter sich gebracht. Sein Herz pumpte heißes Blut durch seine Adern, das dumpfe Pochen dröhnte in seinen Ohren wider.
Kurz schloss er die Augen, sammelte all seinen Mut und erhob sich. „Ich wünschte, ich wäre nicht alleine hergekommen“, jammerte er leise. „Oder ich hätte Florian und seine dumme Idee einfach ignoriert!“
Er rief sich Silberfünkchen in Erinnerung, eine kleine Fee, die er sich schon als kleines Kind ausgedacht hatte. Sie war mutig, frech und nie um eine Antwort verlegen. In seinen Träumen erlebte er die verrücktesten Abenteuer zusammen mit ihr, den rollenden Steinen und den anderen Wesen seiner Fantasiewelt Assjah. Jetzt versuchte er sich vorzustellen, sie sei bei ihm. Allein der Gedanke an sie beruhigte ihn.
Mit neuem Mut leuchtete Kim durch den schmalen Flur, der noch düsterer erschien, als der Eingangsbereich. Staub und Dreck lagen in einer dicken Schicht auf dem Boden. Auch die kleinen Lampen an den Wänden waren davon bedeckt. Kim gruselte sich davor, auch nur einen Schritt in diesen unheimlichen Gang zu machen. Fand er eben noch die Gegenwart von Ratten, Insekten und anderen Lebewesen ekelig und unerträglich, so vermisste er sie hier. Dem Flur haftete ein gespenstischer Hauch an, der Kims Fantasie anstachelte. Er glaubte bereits jetzt Gestalten zu sehen, die wie Schattenrisse den Flur entlang wandelten. Zudem drang eine unheimliche Stimme an sein Ohr:
„Kim …“
Zu Tode erschrocken ließ er die Taschenlampe fallen. Polternd kam sie auf dem Boden auf und rollte ein Stück weit von ihm weg. Das Licht tanzte in hektischer Bewegung über die Wände und der aufwirbelnde Staub warf groteske Schattenbilder auf die Tapete. Kim wich zurück. Haltsuchend wollte er sich gegen die Wand lehnen, doch statt des feuchten Holzes stieß seine Hand auf etwas Pelziges.
Mit einem Aufschrei stolperte er davon weg. Er unterdrückte den Drang sich umzusehen und herauszufinden, was er gerade angefasst hatte. Ekel überkam ihn und ungelenk stürzte er zu seiner Taschenlampe hinüber. Er wollte nur noch weg! Ihm war egal, ob er etwas aus diesem elenden Haus mitnahm oder nicht!
Mit zu viel Schwung bekam er die Lampe zu fassen, stolperte ein gutes Stück weiter den Flur entlang und bekam sich dann endlich in den Griff. Im ersten Moment sah er nur weißen Staub, der ihm in der Nase kribbelte. Dann betrachtete er seine Hand im Schein der Taschenlampe. Nichts war zu sehen. In was auch immer er gefasst hatte, es war nicht an seinen Fingern kleben geblieben.
„Kim.“
Erneut diese verzerrte Stimme, dieses Mal klang sie jedoch näher und eindringlicher. Hektisch sah er sich um. Der Lichtkreis der Taschenlampe zitterte, als er damit die Wände und den Boden inspizierte. Bis auf seine Fußspuren im Dreck und die wirbelnden Staubmäuse war nichts zu sehen. Kim stand direkt neben einer Tür, die halb aus den Angeln gerissen war. Eine Gänsehaut überzog seine Arme, als er Fingerspitzen wahrzunehmen glaubte, die über sein Gesicht strichen. Alles in seinem Kopf schrie nach Flucht. Er wollte weg von hier, doch dann erkannte er, dass lediglich ein kühler Windhauch über seine Wangen fuhr. Er kniff kurz die Augen zusammen, dann schielte er an der Tür vorbei in den Raum. Sanftes Mondlicht fiel durch die Ritzen der zugenagelten Fenster. Ein Brett war abgerissen und die Reste einer Gardine bewegten sich im Wind.
Wie ein Gespenst.
Kim schauderte, dann krabbelte er unter der Tür hindurch. Hauptsache er konnte diesen verfluchten Flur verlassen! Einige Minuten blieb er stehen, um sich zu sammeln, dann betrachtete er das Zimmer genauer. Es war kleiner, als er vermutete hatte. Große, mit weißen Tüchern abgedeckte Möbel standen an den Wänden und nahmen einen Großteil des Platzes ein. Kim glaubte ein niedriges Sofa, einen Tisch und mehrere Schränke zu erkennen. Unter dem Fenster stand eine Kommode, bei der das Tuch bereits zu Boden gefallen war. Der Staub der Jahrzehnte verlieh der Kommode ein gespenstisches Aussehen.
„Wie hält der Boden das nur aus, ohne zusammenzubrechen“, murmelte er. Seine Augen suchten die Dielen nach Löchern oder Zerstörung ab, doch alles schien intakt zu sein. Er schluckte trocken, dann nahm er all seinen Mut zusammen und durchquerte den Raum. Seine Angst nagte immer noch an ihm, doch endlich gelang es ihm sie zu verdrängen und sich darauf zu konzentrieren, ein Beweisstück zu finden, das er Florian präsentieren konnte.
Vielleicht lag es an den Möbeln, die dem Zimmer den Anschein gaben, dass hier jemand gelebt haben könnte, vielleicht aber auch an dem Mondlicht, das der Dunkelheit den Schrecken nahm, doch Kim fühlte sich ein wenig ruhiger und sicherer. Sogar das Flüstern und die eingebildete Stimme waren verschwunden.
Er betrachtete die Kommode genauer und wollte gerade die oberste Schublade öffnen, als ihn erneut das Gefühl ergriff beobachtet zu werden. Kim schielte zur Tür hinüber, doch nichts war zu sehen. Er schüttelte den Kopf und atmete tief durch, dann zog er die Lade auf. Enttäuscht stellte er fest, dass sie leer war. Kein Schatz verbarg sich in ihr. Nacheinander zog er die anderen Laden auf, stets mit demselben Ergebnis. Nichts war zu finden, nicht einmal eine Serviette oder ein Tuch, das dem ehemaligen Besitzer gehört hatte.
„So ein Mist!“, fluchte er leise und ließ den Lichtkegel durch den Raum gleiten. Er musste hier etwas finden, denn tiefer würde er sich nicht in den Gang hinein wagen. Wütend lief er zu den hohen, verdeckten Möbeln hinüber und hob den weißen Stoff an. Darunter verbarg sich wirklich ein alter, mit Schnitzereien verzierter Schrank.
„Hier muss doch irgendetwas zu finden sein!“, spornte er sich an. Er würde nicht mit leeren Händen gehen, wo er so weit gekommen war und sogar den ersten Stock erklommen hatte. Sturheit und Trotz verdrängten allmählich Angst und Panik. Kim schob sogar den Gedanken in einem alten Gespensterhaus zu sein immer weiter von sich.
Plötzlich glaubte er die leise Stimme erneut zu hören, die ihn bereits mehrfach beim Namen gerufen hatte. Sie schien aus dem Schrank zu kommen! Augenblicklich wich Kim zurück, verlor das Gleichgewicht und landete schmerzhaft auf dem Boden. Die Taschenlampe flackerte für eine Sekunde, brannte jedoch weiter. Seine ursprüngliche Angst kehrte mit einem Mal zurück. Was genau tat er hier eigentlich? Das war immer noch …
Was war das? Sein Blick fiel auf eine Kiste, die er bis eben nicht gesehen hatte. Sie stand unter dem Schrank und der Schein der Taschenlampe beleuchtete die Schatulle direkt. Neugierig rutschte er näher. Sie mochte kaum größer als ein Schuhkarton sein, klein genug, um sie mit sich zu nehmen. Schnitzereien und seltsame Ranken verzierten das Holz und gaben ihr fast den Anschein einer Schatzkiste. Sie schien ihm ein passender Lohn für seine Mühen und die Ängste, die er hier durchstand, zu sein. Bevor er es sich anders überlegen konnte, ergriff er die hölzerne Schachtel und zog sie hervor.

Nachdem er sich die Kiste geschnappt hatte, war er so schnell er konnte ins Erdgeschoss zurückgelaufen. Er hatte die brüchige Treppe ignoriert, ebenso die aufgerissenen Dielen und die fetten Ratten, die zischelnd zur Seite sprangen, als er an ihnen vorbei lief. Sein Herz raste, teilweise vor Angst, teilweise vor Aufregung. Er wollte keine Sekunde länger in diesem Gebäude zubringen, jetzt wo er endlich etwas gefunden hatte.
Erst als er ein gutes Stück von der Veranda entfernt war, blieb er schwer atmend stehen, rang nach Luft und fragte sich, wie er es geschafft hatte, das Haus zu verlassen. Sein Haar klebte an seiner Stirn, seine Jacke war ihm fast von den Schultern gerutscht und einer seiner Schuhe hatte sich beim Laufen geöffnet. Kim sah über die Schulter zurück zum Haus. Ein Schauer kroch ihm über den Rücken, als er es im gespenstischen Mondlicht betrachtete.
Nach einer Weile stiegen Euphorie und Stolz in ihm auf und schwemmten all die unheimlichen Gedanken fort. Er hatte es geschafft! Er hatte den Geistern und Gespenstern getrotzt, war in ihr Reich eingedrungen und mit einem Schatz zurückgekehrt!
Sein Blick fiel auf die Kiste. Sie war zwar überraschend schwer, konnte also nicht leer sein, doch Kim wollte sicher gehen.
Er kniete sich ins Gras, klemmte sich die Taschenlampe unter den Arm und öffnete rasch den Deckel. Er war froh, dass kein Schloss diesen Triumph verhinderte. Neugierig betrachtete er den Inhalt, der aus dunklem Samtstoff bestand. Dann sah er etwas Goldenes im Licht der Taschenlampe funkeln, und als er den Stoff zur Seite schlug, erkannte er einen seltsamen Gegenstand.
Ein echter Schatz!
Kim glaubte vor Aufregung und Glück fast zu platzen. Er vergaß vollkommen, dass er sich immer noch in diesem verwunschenen Garten befand; einzig und allein sein Schatz war wichtig. Er glich einer Lupe, war halb so groß wie sein Unterarm und bestand aus einem langen Griff und einer runden Umfassung, in die drei Rubine eingelassen waren. Fast wirkte es als hätte er ein magisches Artefakt gefunden, wie die Helden seiner Lieblingsbücher. Nachdenklich strich er mit den Fingern über seinen Schatz.
Ein elektrischer Schlag traf Kim so unvermittelt, dass er erschrocken zurückzuckte und ihm die Taschenlampe entglitt. Was war das? Verwirrt sah er auf den Gegenstand hinab, der für einen Moment zu leuchten schien. Im Gegensatz zu den unheimlichen Vorkommnissen in dem Haus versetze ihn diese Reaktion nicht in Angst – im Gegenteil. Innerlich jubilierte er. Seine Euphorie verdrängte jegliche Vorsicht.
Sein Herz klopfte vor Aufregung und in seinem Magen kribbelte es, als er erneut die Hand nach dem Gegenstand ausstreckte. Vielleicht handelte es sich wirklich um ein magisches Artefakt!
Tatsächlich! Es reagierte erneut auf ihn. Es war keine Einbildung! Ein warmes Pulsieren ging von dem Griff aus und strömte durch Kims Körper.
Neugierig hielt er den Gegenstand direkt vor sein Gesicht. Er schien von innen heraus zu leuchten. Sanftes rotes Licht glomm auf. Kim drehte ihn zitternd vor Aufregung in den Händen und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Wie der wohl funktioniert?“, fragte er leise. „Ich muss es wissen.“ Er ließ sich ins Gras fallen und strich mit der Hand über den Ring und die Edelsteine. Vielleicht musste er etwas dadurch betrachten. In einigen Büchern gab es Brillen, mit denen man die Wahrheit erkennen konnte. Er hielt sich den Ring vors Gesicht und starrte hindurch. Nichts tat sich. Der düstere Baumriese einige Meter entfernt veränderte sich nicht. Kim versuchte es erneut und sah zum Haus zurück. Vielleicht konnte er sehen, wie es einmal ausgesehen hatte, doch vergebens. Die Villa blieb so verfallen, wie zuvor.
Ein wenig verärgert schüttelte er den Gegenstand und wedelte mit ihm durch die Luft. „Komm schon, irgendwie musst du doch funktionieren!“ Er hielt inne und steckte seine Finger durch den Ring.
Ein leises Geräusch erklang, das Kim an das Platzen eines Luftballons erinnerte.
Kim blinzelte, zog die Hand zurück und versuchte es erneut. Wesentlich langsamer schob er seinen Finger durch den Ring und lauschte. Für einen Wimpernschlag spürte er einen Widerstand, dann erklang wieder das platzende Geräusch.
Irgendetwas musste sich zwischen dem Ring spannen, etwas das er nicht sehen konnte. Nervös rutschte er hin und her und musterte den Ring genauer. Er hatte es gespürt und gehört, aber sehen konnte er es nicht. Ohne zu zögern hielt er es sich vor die Lippen und blies dagegen.
Tatsächlich bildete sich etwas, das einer Seifenblase nicht unähnlich war. Es wölbte sich leicht, zerplatzte jedoch, bevor es sich von dem Ring löste. Mit diesem dumpfen Ton erklang ein Seufzen. Kims Herz machte einen entsetzten Hüpfer, um dann doppelt so schnell weiter zu schlagen. Seine Nackenhärchen stellten sich auf und ein Schauer kroch über seinen Rücken. Vielleicht sollte er weitere Versuche auf später verschieben.
Er sah zu dem Gegenstand in seiner Hand hinab. Würde er sich so lange gedulden können? Er sah zur Mauer hinüber, die sich wie ein schwarzes Band in einigen Metern Entfernung erhob. Chris und Florian warteten auf ihn. Solange er nicht mehr über seinen Fund wusste, wollte er ihn seinen Freunden nicht zeigen. Das hier war sein Schatz! Er hatte fast herausgefunden, wie das Artefakt funktionierte. Ein weiteres Mal wollte er es auf jeden Fall probieren.
Mit neuer Zuversicht im Herzen blies er erneut gegen die unsichtbare Membran, die sich innerhalb des Ringes spannte. Er war vorsichtiger, um wirklich eine Seifenblase zustande zu bringen. Tatsächlich gelang es ihm. Die Blase schimmerte in einem dumpfen Rot und in ihr schien sich eine seltsame Wolke zu befinden. Irritiert musterte Kim sie genauer. Doch noch bevor er erkennen konnte, um was es sich handelte, zerplatzte die Seifenblase und ein langgezogener Schrei erklang, der Kim in Mark und Bein fuhr. Panisch sah er sich um. Ein Geist? Unsicher leuchtete er über die Wiese. Er hoffte Florian und Chris zu entdecken, die ihm einen Streich spielten. Doch niemand war in seiner Nähe.
Kim bekam Angst. Er wollte nicht mehr allein in der Nähe dieses unheimlichen Hauses sein.
Unsicher trat er von einem Bein aufs andere. Fast schon wünschte er sich, dass seine Freunde aus den Schatten auftauchen würden und sich über ihn lustig machten. Kim würde sogar Florians Spott ertragen.
Als der ferne Ruf einer Eule erklang, sank Kim das Herz in die Hose. Auf einmal wurde er sich wieder bewusst, wo er war und wie viel Angst er noch vor einer halben Stunde gehabt hatte, als er durch das Haus gestreift war.
Er fuhr herum und griff nach seiner Taschenlampe. Das Licht flackerte kurz, dann erlosch es. Von einer Sekunde zur anderen umfing ihn unheimliche Dunkelheit. Fast glaubte er blind geworden zu sein, dann erst gewöhnten sich seine Augen an das fahle Mondlicht.
Ein Krächzen entrang sich seiner Kehle, und er sank zu Boden. Mit geschlossenen Augen umklammerte er seine Taschenlampe und schüttelte sie leicht in der Hoffnung sie wieder zum Leuchten zu bringen.
„Ich wünschte jemand wäre jetzt bei mir!“, murmelte er mit klappernden Zähnen. „Florian, Chris oder Silberfünkchen!“ Kim wollte nach seinen Freunden rufen, doch er biss sich auf die Unterlippe. Die Mutprobe endete erst, wenn er wieder bei ihnen war. Kim war so weit gekommen. Er musste die letzten Meter ohne ihre Hilfe schaffen!
Da seine Angst ihn zu übermannen drohte, rief er sich Silberfünkchen in Erinnerung. Wie gerne würde er sie jetzt bei sich haben.
Er schielte zu dem Schatz in seiner Hand. Für einen Moment kam ihm dieser Gegenstand bekannt vor, als hätte er vor langer Zeit schon einmal etwas Ähnliches getan. Impulsiv hielt er sich den Ring einmal mehr vor die Lippen und blies gegen die Membran.
Blausilbernes Licht erhellte einen Teil der Wiese und Kim konnte im Inneren der Seifenblase deutlich eine kleine, zierliche Gestalt mit Libellenflügeln erkennen. Lange silberne Haare fielen in das schmale Gesicht der Fee. Das Kleidchen, das den Körper bedeckte, schien aus Blütenblättern gemacht zu sein. Mit einem Knall zerplatze die Blase und gab das kleine Wesen frei.
Kim beobachtete sprachlos, was geschah. Jedes Wort blieb ihm in der Kehle stecken und sämtliche Gedanken wirbelten durcheinander. Er war gar nicht in der Lage zu begreifen, was da überhaupt passierte. Schließlich stammelte er verdutzt: „Silberfünkchen?“
Das konnte unmöglich real sein! Waren seine Gedanken und Wünsche urplötzlich lebendig geworden? Vorsichtig streckte er die Hand nach dem Geschöpf aus. Doch so leicht wollte sich das Feenwesen nicht fangen lassen und schlüpfte durch seine ausgestreckten Finger hindurch.
„Fass mich ja nicht an!“ Die Fee sah sich panisch um. Sie schwirrte entsetzt nach oben, doch als sie dem Geäst eines Baumes zu nahe kam, machte sie kehrt und flog zurück. Verunsichert umkreiste sie Kim einige Male, der sie am liebsten gefangen hätte, es sich jedoch nicht traute. Silberfünkchen war real! Allein dieser Gedanke versetzte Kim in Hochgefühle. Nie hatte er sich erträumt, Silberfünkchen einmal wirklich zu begegnen. Mühsam löste er seinen Blick von der Fee und starrte den Gegenstand in seinen Händen an. Er fühlte sich, als wäre er in seine Fantasybücher gefallen und Held eines Abenteuers geworden. Ob er träumte? Vorsichtig zwickte er sich in den Arm, doch außer einem kurzen Schmerz passierte nichts. Er wachte nicht auf!
„Ich schlafe nicht!“, jubilierte er und sprang übermütig in die Luft. „Das heißt, dass du real bist!“
„Natürlich bin ich real!“, gab Silberfünkchen entrüstet von sich. „Und ich kenne dich. Du bist Kim, oder?“, fügte sie nach einem Moment hinzu. „Du kommst immer wieder auf die Feenwiese und besuchst uns.“
Kim nickte. Wenn sie sogar seinen Namen kannte, handelte es sich ohne jeden Zweifel um Silberfünkchen. „Richtig, nur dieses Mal besuchst du mich und erlebst hier mit mir zusammen Abenteuer.“
„Tu ich das? Kann mich gar nicht daran erinnern das beschlossen zu haben.“ Sie flog näher zu ihm und musterte sein Gesicht. „Du bist es wirklich. Ich hab dich aufgrund des ganzen Drecks fast nicht erkannt“, fügte sie spöttisch hinzu.
Kim wischte sich ungeschickt mit dem Ärmel über Stirn und Wangen. „Besser?“, fragte er.
„Ein wenig.“ Sie zuckte mit den Schultern. Dann entdeckte sie die Zauberlupe in Kims Hände und näherte sich ihm neugierig. „Was ist das?“, wollte sie wissen. Sie verengte die Augen, dann musterte sie Kim.
„Damit bist du hergekommen“, erklärte Kim. „Ich glaube es ist so etwas wie ein Portal …“ In Gedanken fügte er stumm hinzu: ‚Ein Portal zu meinen Träumen!’ Erneut schlug sein Herz schneller. Er musterte den Ring der Lupe genauer. In dem schwachen Licht, dass Silberfünkchen verströmte entdeckte er schließlich die hauchfeine Membran, die sich innerhalb des Ringes spannte. „Ich glaube ich nenne es Traumspiegel“, flüsterte er.
„Irgendwie fühlt es sich seltsam an“, murmelte Silberfünkchen. Sie brachte ein wenig Abstand zwischen sich und den Traumspiegel. Unsicher sah sie sich wieder um. „Alles hier fühlt sich seltsam an … so stumm und kalt.“ Ihr Gesicht wurde traurig, und sie ließ den Kopf hängen. „Die Bäume sind so unheimlich, ganz anders als in meiner Heimat. Es gibt keine Feen hier, kein flüsterndes Gras, keine rollenden Steine und ich kann nirgendwo Gnome oder Zwerge entdecken. Und alles wirkt so dunkel und trostlos.“
Kim musste ihr zustimmen. Dieser Ort war anders als Assjah, die Welt aus der Silberfünkchen stammte. Dass sie sich hier einsam und unwohl fühlte, konnte er verstehen, doch er wusste nicht, wie er sie zurück bringen sollte.
Noch bevor Silberfünkchen genau das von ihm verlangte, hatte er eine Idee. Ohne zu zögern hob er seinen Traumspiegel vor die Lippen und blies gegen die Membran. Sofort erschien eine goldene Blase, löste sich von dem Ring und schwebte lautlos über die Wiese. Nur wenige Augenblicke später veränderte sich das Innere. Eine neue Fee wurde geboren. Lange goldene Haare und winzige Libellenflügel unterschieden sie von Silberfünkchen. Schließlich zerplatzte auch diese und gab das Feenwesen frei.
„Ich glaub’ es nicht. Goldlöckchen!“, rief Silberfünkchen begeistert und schwirrte sofort zu ihrer Freundin. Sie umarmten einander, während Goldlöckchen sich scheu umsah. Für einen Moment schienen sie sich zu unterhalten, auch wenn Kim nichts hören konnte, da Goldlöckchen nicht imstande war zu sprechen.
„Jetzt bist du nicht mehr alleine!“ Kim beobachtete die kleinen Feen einen Augenblick, dann sah er zu dem Haus zurück. Seine Angst war fast vollständig verschwunden. Nichts konnte sein Glücksgefühl und seine Euphorie dämpfen. Er hatte einen wundersamen Gegenstand gefunden, mit dem er alles in die Realität holen konnte, was er sich vorstellte! Sofort überlegte er sich, was er als nächstes rufen wollte. Vielleicht einen Zwerg? Oder einen der unsichtbaren Drachen, die sprechen konnten? Seine Gedanken überschlugen sich. Egal was es war, sobald er daheim wäre, würde er seinen neuen Besitz genau untersuchen und anschließend die Wesen zu sich holen, die er sich am meisten wünschte.
‚Und Florian und Chris werden diesen Schatz nicht zu Gesicht bekommen!’, dachte Kim. Er verstaute den Traumspiegel in seiner Jackentasche. Dann ließ er sich doch lieber einen Feigling nennen …

(c) Juliane Seidel, 2011-2012