Nachtschatten Leseprobe

 

Prolog – Das Versprechen

 

Milchig weißes Licht umgab Lily, als sie die Augen aufschlug. Die Welt war in dunstigen Nebel gehüllt. Im ersten Moment hatte sie das Gefühl erblindet zu sein, dann zeichneten sich schwach die dunklen Silhouetten einiger Bäume gegen den mondbeschienenen Himmel ab. Die Schwaden verblassten. Sie gaben einen rötlichen Mond und funkelnde Sterne preis.

Losgelöst von ihrem Körper, schwebte Lily einige Meter über dem Boden. Direkt unter sich konnte sie aufgeregte Rufe und Schreie hören, doch sie vermied einen Blick hinab. Sie spürte instinktiv, dass sich etwas Schreckliches unter ihr abspielen musste. Mit geschlossenen Augen versuchte sie sich die letzten Stunden ins Gedächtnis zu rufen. Erinnerungsfetzen glommen in ihrem Unterbewußtsein auf, doch noch bevor sie die Eindrücke festhalten konnte, verschwanden sie wieder. Ein mechanisches Klicken dröhnte in ihren Ohren, gefolgt von flüsternden Stimmen, die Lily nicht verstehen konnte und einem unmenschlichen Schrei. Vor ihrem geistigen Auge neigte sich eine silbrig schimmernde Gestalt über sie, bevor sie sich auflöste. Für einen Moment erkannte Lily das vertraute Gesicht, dann war es aus ihrem Bewusstsein verschwunden.

Lily blinzelte erschöpft. Sonderlich aufschlussreich war ihr Versuch, sich zu erinnern, nicht gewesen. Ein erschrockener Aufschrei erweckte ihre Aufmerksamkeit. Sie starrte hinab. Eine zugleich bizarre, als auch schreckliche Szenarie breitete sich vor ihr aus.

Blaues Licht huschte über das zerbeulte Wrack eines Autos. Der Kotflügel war vollkommen zerquetscht, gespalten von einem riesigen Baum, dessen Stamm stark beschädigt war. Blechteile und Glassplitter waren auf der Wiese verteilt. Eine kleine Pfütze Benzin brannte. Menschen schwärmten um das Wrack herum, versuchten sich einen Weg durch die Überreste zu bahnen, um die Überlebende zu bergen, insofern es überhaupt welche gab.

Im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass sie tot war. Das Wrack war einst das Auto ihrer Eltern gewesen. Entsetzt wandte sie den Blick ab. Konnte das sein? War es ihr Schicksal mit dreizehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben zu kommen? Sie hatte doch noch soviel vor gehabt. Lily wollte die Welt entdecken, die unterschiedlichsten Menschen kennenlernen und geküsst werden, bevor Rose überhaupt einen Freund fand.

Rose …

Trauer keimte in ihr auf, als sie an ihre Zwillingsschwester dachte. Das fröhliche, offenherzige Mädchen war das genaue Gegenteil von ihr gewesen. Rose konnte in einen trüben Novembertag Sonnenschein und Sommerfrische zaubern. Für Lily war sie der wichtigste Mensch. Jetzt hatte der Tod sowohl sie, als auch ihre Schwester aus dem Leben gerissen. Tränen stiegen Lily in die Augen. Ihr eigenes Schicksal verblasste, je länger sie über Rose nachdachte.

„Das Mädchen lebt noch!“, drang eine energische Stimme zu ihr. Konnte es sein, dass Rose den Unfall überlebt hatte? Eine vage Hoffnung keimte in Lily auf. Wenn Rose es schaffen würde, könnte sie beruhigt gehen. Lily wusste, dass Rose für sie beide leben würde.

„Wo bleibt der Notarzt?“

„Holt sie vorsichtig da raus!“

Lily näherte sich dem Unfallort und versuchte mehr zu erkennen. Zwei Männer bargen gerade einen übel zugerichteten Körper und legten ihn behutsam auf einer Trage ab. Sofort umschwirrten Ärzte und Assistenten den Verletzten. Im ersten Moment konnte Lily nicht erkennen, um wen es sich handelte, dann erkannte sie die Überreste ihrer blauen Jeansjacke. Es war nicht Rose. Die Ärzte hatten sich um ihren Körper versammelt.

Es war ein seltsames Gefühl ihren eigenen Körper in diesem Zustand zu sehen. Ihr blondes Haar war blutverschmiert und schmutzig, ihre Arme seltsam verdreht und von langen Kratzern und Schnittwunden verunstaltet. Der Stoff ihrer Kleidung war mit tiefroten Flecken und Rissen verunziert. Es war ein entsetzlicher Anblick. Wieviele Knochen wohl gebrochen waren? Hatte sie überhaupt eine Chance all das zu überleben?

Die Notärzte versperrten ihr schließlich die Sicht. Lily konnte nicht erkennen, was genau mit ihrem Körper geschah, doch nach einer Weile wurde er festgeschnallt und zum Transport in eines der Krankhäuser fertig gemacht. Einer der Notärzte hielt eine Infusion fest, während ein anderer nach seinem Handy griff. Mit knappen Worten bereitete er das naheliegende Krankenhaus auf eine Operation vor.

Lily wollte sich wieder dem Wrack zuwenden, doch ein plötzlicher Sog riss sie vom Unfallort weg. Ihr lädierter Körper schien nach ihr zu rufen. Im ersten Moment setzte sie sich zur Wehr. Sie musste wissen, was mit ihrer Familie passiert war. Vielleicht hatten ja auch Rose und ihre Eltern den Unfall überlebt. Lily klammerte sich verzweifelt an den winzigen Hoffnungsschimmer.

Während sie dem Drang, ihrem Körper zu folgen, nachgab, beobachtete sie die Feuerwehrmänner aufmerksam, die das Auto mit einem Schneidbrenner öffneten. Gerade als Lilys Körper in den Krankenwagen gehoben wurde, sah sie einen von ihnen mit einer Mischung aus Enttäuschung und Resignation den Kopf schütteln. Lily ahnte, was das bedeutete. Ihre Familie hatte den Unfall nicht überlebt. Sie mussten bei der Kollision mit dem Baum ums Leben gekommen sein.

Tiefe Trauer und ein dumpfer Schmerz breitete sich in Lily aus. Für einen Augenblick sehnte sie sich ebenfalls danach, zu sterben. Was für einen Sinn hatte es all das zu überleben, wenn sie anschließend gänzlich allein sein würde?

Ich lasse dich nicht sterben!

Die Stimme schien direkt zu ihrer Seele zu sprechen. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Fast glaubte sie ein sanftes Prickeln wahrzunehmen, obwohl sie keinen Körper mehr hatte.

Ich setze alles daran, dich am Leben zu erhalten. Noch einmal werde ich meinen Schützling nicht sterben lassen! Du wirst leben! Das verspreche ich dir!

Noch bevor sie fragen konnte, was genau damit gemeint war, verschwamm die Szenerie vor ihren Augen. Die letzten Worte ihres Beschützers wurden zu einem leisen Flüstern und schließlich versank alles in Dunkelheit.

 

 

Kapitel 1 – Vampirjagd

 

„Was für ein Auflauf!“, murmelte Lily mit einem Seufzen. Sie zwängte sich an einem knutschenden Pärchen vorbei, das direkt vor im Gang vor den Toiletten stand. Der Junge schob gerade seine Hand unter das hautenge Oberteil seines Mädchens, als Lily die Damentoilette erreichte. Schnell schloss die Tür hinter sich und sperrte damit das fummelnde Pärchen und einen Teil der Musik aus. Doch in dem heruntergekommenen Raum war es fast genauso voll, wie auf der Tanzfläche. Die Mädchen drängelten sich um den matten Spiegel, um eine weitere Schicht Make-Up auf zulegen.

Lily ignorierte sie und steuerte eine der Kabinen an. Seufzend lehnte sie sich gegen die Trennwand, die mit Sprüchen und Bildern beschmiert war. Die Discothek war voller als sie gedacht hatte. Es war zwar Freitagabend und die Sommerferien hatten an diesem Tag begonnen, doch Lily hatte nicht damit gerechnet so viele Jugendliche hier zu sehen. Der einzige Vorteil war, dass sie bisher noch nicht nach ihrem Ausweis gefragt worden war, denn ansonsten hätte man sie sofort hinausgeworfen. Sie hoffte nur, dass sich niemand aus ihrer Klasse ebenfalls hier eingeschlichen hatte und sie in diesem unmöglichen Aufzug sehen konnte. Mit einem Schaudern sah sie an sich herab. Wie peinlich! Wieso hatte sie auch auf Adrian gehört und sich dazu breitschlagen lassen, diese grässlichen Klamotten anzuziehen. Auf dem T-Shirt prangte der Schriftzug „Ej äm Stjupit“, der Minirock behinderte sie beim Laufen und mit diesem dämlichen Stilettos würde sie sich noch den Hals brechen.

Also ich glaube nicht, dass du Logan hier finden wirst.

Lily atmete tief durch, dann sah sie zu der schimmernden Gestalt, die direkt vor der Kabinentür an der Wand lehnte. Sein makelloses Gesicht war schmal und wurde von glatten, langen Haaren umrahmt, die auf unerklärliche Weise immer von einem leichten Wind ergriffen waren. Sie schwebten um ihn wie ein Mantel als hätten sie ein Eigenleben. Seine schlanke Gestalt war ebenso perfekt, doch Lily hatte bisher auch noch nie einen Schutzengel gesehen, der irgendwelche Makel aufwies. Die leuchtenden Gestalten waren alle von Natur aus wunderschön. Ein anderer Begriff fiel ihr für diese Wesen nicht ein.

„Das weiß ich auch, Adrian!“, herrschte sie ihn leise an.

Und was machst du dann hier?, fragte Lilys Schutzengel weiter. Ich hab unseren Mann vorhin an der Bar gesehen. Er scheint sich noch kein Opfer ausgesucht zu haben, aber wenn du dich weiter in den Ecken herumdrückst, wird er verschwinden und wir haben das Nachsehen.

„Ich weiß, aber ich kann auf diesen Dingern nicht richtig laufen“, konterte Lily etwas lauter. Sie biss sich auf die Unterlippe und lauschte. Kichern und leise Gespräche waren zu hören, untermalt mit den dumpfen Schlägen des Basses. „Wieso hab ich auch auf die gehört und mir diesen Fummel angezogen? Wie soll ich den so kämpfen? Und warum um alles in der Welt sucht mir Alina so jemanden für meine Prüfung aus?“

Wieso, weshalb, warum … spielt doch keine Rolle. Dieser Logan war der Einzige, der auf Alinas Liste stand und für einen Einzeleinsatz geeignet war. Wir wollen beide diese Lizenz. Deswegen wirst du deinen Hintern jetzt wieder nach draußen schwingen. Schmeiß dich an ihn ran. Sorg dafür, dass er nur Augen für dich hat. Sobald er mit dir die Disko verlässt, übernehme ich den Rest.

Lily nickte müde. Sie wusste, dass Adrian Recht hatte. Dies war ihre erste Prüfung, um endlich eine richtige Jägerin zu werden. Es würde schwer werden, aber Lily war fest entschlossen, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Alina hatte ihr genug beigebracht und sie war bereits einige Male mit den anderen unterwegs gewesen. Jetzt war ihre Chance gekommen. Sie musste nur noch den Vampir Logan zur Strecke bringen, dann hätte sie ihr Ziel erreicht. Ihr Herz schlug schneller, als sie daran dachte.

Mit neuer Zuversicht verließ Lily die Toilette und mischte sich unter die Leute. Die Luft war stickig und verbraucht, als sie die Tanzfläche erreichte. Der Geruch nach Schweiß, Parfum und Zigaretten vermischte sich zu einer dunstigen Glocke, die den ganzen Raum ausfüllte. Lily zwang sich flach zu atmen und ihre Übelkeit zu unterdrücken. Suchend sah sie sich um. Im ersten Moment glaubte sie lediglich eine seltsam amorphe Masse zu sehen, die sich zum dröhnenden Bass der Musik bewegte. Auf Lily wirkte sie wie ein Ameisenhaufen. Flackerndes Licht unterstrich diesen Eindruck noch.

Er ist an der Bar.

Lily nickte. Sie vermied es nach oben zu sehen. Ab sofort würde sie ihn gänzlich ignorieren müssen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Rasch schob sie sich durch die Tanzenden hindurch. Zunächst rissen sie Lily mit sich und ihr blieb nichts anderes übrig, als sich den Feiernden anzuschließen. Normalerweise mochte sie diese Art von Musik nicht, doch es war leicht sich mit den anderen treiben zu lassen. Zudem fiel es gar nicht auf, wie unsicher sie war und dass sie immer wieder stolperte.

Schließlich ließ sie die Tanzfläche hinter sich und spähte zur Bar hinüber. Im schummrigen Licht konnte sie etliche Gestalten sehen. Sie unterhielten sich, so gut es bei der lauten Musik ging. Lediglich ein Mann saß ein wenig abseits auf einem Barhocker und sah zu ihr. Seine Augen funkelten unnatürlich. Lily konzentrierte sich stärker auf den Mann, bis sie direkt hinter ihm die blasse Gestalt eines Schutzengels sah. Sie hatte ihn gefunden.

Da ist er. Und es sieht so aus, als hätte er dich schon bemerkt! Jetzt musst du ihn nur noch um den Finger wickeln und nach draußen locken.

 

Es dauerte fast bis Mitternacht, bis Lily die Disco endlich verlassen konnte. Sie hatte eine ganze Zeit lang mit dem Vampir gesprochen, dann mit ihm getanzt und etwas getrunken. Lily musste zugeben, dass Logan durchaus charismatisch war. Er verstand sich darauf junge Frauen um den Finger zu wickeln. Zwar schien er ein wenig unzufrieden mit Lily zu sein, aber sein Durst nach Blut war stärker. Er hatte sich sein Opfer für diese Nacht ausgesucht - Lily.

Seinen Schutzengel konnte Lily nur beiläufig beobachten. Sie war ein äußerst zierlicher Schutzgeist, der so gar nicht zu dem Vampir passte. Sie hatte das typische Leuchten fast verloren, wirkte schwach und erschöpft. Hin und wieder gab sie Logan kleine Hinweise, versuchte ihn vor Lily zu warnen, doch der Vampir ignorierte sie.

Lily war das nur recht. Wenn Logan herausfand, was sie wirklich plante, würde es nicht so einfach werden den Vampir zur Strecke zu bringen. Doch solange sie das naive Blondchen miemte, schien alles perfekt. Es war Adrians Plan gewesen, dass sie vorgab schwach und hilflos zu sein, nachdem Alina ihnen Logans Akte gegeben hatte. Adrian war sofort der Meinung gewesen, dass man den Vampir nur auf diesem Weg besiegen konnte.

Bisher lief tatsächlich alles so, wie Adrian es sich vorgestellt hatte. Logan folgte ihr Richtung Parkplatz, hielt jedoch ein wenig Abstand. Sie ließen eine Gruppe rauchender Jugendlicher hinter sich und steuerten den nahen Wald an. Lily wusste, dass sich immer wieder Pärchen zwischen die Büsche zurückzogen, um sich näher zu kommen.

Schließlich schloss Logan auf. Seine braunen Haare fielen ihm ins Gesicht und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Lily musste zugeben, dass Logan im Schein des Mondes wirklich gut aussah.

„Ich denke, ich bringe dich nach Hause!“, bot Logan an. Ein bedrohliches Funkeln blitzte in seinen Augen auf, doch er hielt sich zurück.

„Ich komm’ schon heim“, murmelte Lily mit belegter Stimme. Die frische Luft tat gut, doch noch immer hatte sie den stickigen Geruch der Disko in der Nase. Sie torkelte absichtlich ein wenig. Wie erhofft war der Vampir bei ihr und stützte sie.

„Das kommt gar nicht in Frage“, flüsterte der Vampir. Sein Blick fiel erst auf Lily, dann auf den Wald, der sich wie ein bedrohlicher Schatten vom sternenübersähten Himmel abhob. Ein Kloß bildete sich in Lilys Hals, den sie mühsam hinunter schluckte.

Keine Angst. Ich werde nicht zulassen, dass er dir etwas antut.

Lily atmete tief durch. Adrian würde übernehmen, sobald sie außer Sichtweite waren. Sie hoffte nur, dass er wirklich in der Lage war Logan zu besiegen. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, gab sie sich einen Ruck und folgte dem Vampir.

Mehrere Minuten gingen sie schweigend hintereinander. Die Stimmen der Jugendlichen und die Musik der Disko verschwanden allmählich. Blätter rauschten. Immer wieder knackte es im Unterholz. Der Schrei einer Eule ließ Lily zusammen zucken. War das wirklich ein guter Plan? Sie fühlte sich unwohl so weit abseits zu sein. Wenn sie Logan nicht gewachsen war …

Hektisch schüttelte sie den Gedanken ab. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie hatte Mühe sich zu beruhigen. Alina war in der Nähe, ebenso die Anderen ihres Teams. Sie würden eingreifen, wenn es zu gefährlich wurde.

Plötzlich blieb Logan stehen. Lily war so überrascht, dass sie stolperte. Diese verfluchten Schuhe würden ihr noch zum Verhängnis werden.

„Du musst keine Angst haben“, sagte Logan. In seine Stimme hatte sich ein besänftigender Unterton geschlichen. Seine Augen schienen von innen heraus zu leuchten. Noch bevor Lily reagieren konnte, war Logan bei ihr. Unwillkürlich wich sie zurück. „Schließ die Augen und es wird schnell vorbei sein.“

„Ich denke nicht, dass ich das machen werde“, erwiderte Lily mit fester Stimme. Mit einer schnellen Handbeweghung schob sie Logan von sich und sah zu Adrian.

In Ordnung. Ich übernehme jetzt!

Adrian hatte nicht einmal zu Ende gesprochen, da spürte Lily bereits, wie ihr Schutzengel sie aus ihrem Körper verdrängte. Binnen eines Augenblickes schwebte Lily einige Meter über der Szenarie und konnte den Rest des Kampfes nur noch beobachten. Es war ein seltsames Gefühl, sich selbst auf diese Weise zu sehen. Dunkel erinnerte sie sich daran, wie sie bei ihrem ersten Übungskampf mit Adrian getauscht hatte. Damals hatte Adrian ihren Körper nur für wenige Sekunden übernehmen können, jetzt nach all den Jahren harter Übung, konnten sie für fast fünf Minuten wechseln.

Adrian zögerte keine Sekunde. Er griff den überraschten Vampir sofort an. Sein erster Schlag zielte auf Logans Magen, dann visierte er Logans Gesicht an. Adrian traf in beiden Fällen, zwang den Vampir sogar ein gutes Stück zurück. Sofort setzte Adrian nach, doch allmählich erwachte Logan aus seiner Verwirrung. Er wich Adrian aus und brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit.

„Was zum Teufel …?“, fragte Logan und zum ersten Mal an diesem Abend wandte er sich zu seinem Schutzengel um. Dem Mädchen liefen Tränen über die Wangen, als sie Logan zunickte.

„Adrian, pass auf! Er verbindet sich mit ihr“, rief Lily ihrem Schutzengel zu. Zum ersten Mal sah sie aus nächster Nähe, wie ein vampirischer Schutzengel mit seinem Schützling verschmolz. Im Gegensatz zu ihr und Adrian wurde der Vampir dabei nicht aus dem Körper verbannt. Sie wurden zu einer Einheit, die umso stärker war.

Ich sehe es.

Mit einem Schnauben stürzte sich Logan im nächsten Moment auf Adrian. Ein erbitterter Kampf entbrannte. Die Bewegungen Adrians und des Vampirs waren so schnell, dass Lily sie kaum sehen konnte. Sie schienen fast gleich stark zu sein, jedoch hatte Lily das Gefühl, dass Adrian allmählich die Oberhand gewann. Wie gut, dass Logan seit einiger Zeit nichts getrunken hatte, denn obwohl er sich mit seinem Schutzengel verbunden hatte, schien sie ihm kaum Kraft geben zu können.

Dennoch mussten sie sich beeilen. Sie spürte deutlich, dass ihre Seele in ihren Körper zurückkehren wollte. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Wenn sie mitten im Kampf wechselten, hätte Lily gegen Logan keine Chance.

„Beeil dich Adrian!“

Ich weiß! Adrian versuchte einmal mehr seinen Gegner zu Fall zu bringen, doch Logan war zu schnell. Er sah den Schlag voraus, duckte sich und attakierte Adrian mit aller Gewalt. In diesem Moment geriet Lilys Schutzengel ins Stolpern. Der Vampir nutzte seine Chance und drängte Adrian gegen den nächsten Baum. Verflucht!

„Adrian, was machst du?“, fauchte Lily. Entsetzt musste sie mit ansehen, wie Logan mit nur einem Schlag seiner klauenbewehrten Hand einige tiefe Kratzer in ihrer Schulter hinterließ. Der Schmerz erreichte sie nicht, noch nicht.

Diese dämlichen Schuhe!

„Genug gespielt“, sagte Logan keuchend. Seine Hand hatte sich unterdessen um Lilys Hals gelegt, während er sie erbarmungslos gegen den Baumstamm presste. „Ich habe keine Lust mehr gegen einen zweitklassigen Schutzengel zu kämpfen.“

Doch so schnell gab sich Adrian nicht geschlagen. Verbissen wehrte er sich gegen Logan und schließlich gelang es ihm sich mit einer Hand aus dem festen Griff zu befreien. Mit der anderen holte er aus und schlug zu. Von einem lauten Aufschrei begleitet, durchbrach Adrian die Rippen des Vampirs und bohrte seine Hand tief in den Körper seines Gegners. Blut spritzte zum Glück nur wenig, doch Lily wandte sich dennoch ab, um Logans Ende nicht mit ansehen zu müssen. Sie wusste, dass Adrian ihm das Herz herausriss, da dies der einzige Weg war einen Vampir zu töten.

Als der Schrei verklang, sah Lily wieder zu dem Schauspiel hinab. Adrian stand vor den Resten des Vampirs. Logan war nicht mehr als ein Häufchen Asche. Der Drang in ihren Körper zurück zu kehren wurde mit jedem Atemzug stärker. Jetzt wo Logan tot war, gab es keinen Grund mehr außerhalb ihres Körpers zu verweilen.

Das Gewicht ihres eigenen Körpers war das Erste, das Lily spürte, als sie zurückkehrte. Sie fühlte sich eingezwängt und hätte am liebsten sofort wieder mit Adrian getauscht. Sie sehnte sich nach der Freiheit, die sie spürte, wenn sie ihren Körper verließ. Jede Rückkehr war eine Qual. Lily hasste diesen Effekt, doch das war der Preis, den sie für den Tausch mit ihrem Schutzengel zu zahlen hatte.

Alles in Ordnung?

„Ja“, murmelte Lily atemlos. Es fiel ihr schwer Luft zu holen. Jeder Muskel in ihrem Leib schmerzte, insbesondere ihre rechte Schulter, wo Logan sie erwischt hatte. „Es ist gleich vorbei. Ich hasse diesen Nebeneffekt am meisten.“

Du brauchst nur mehr Übung – dann ist der Tausch kein Problem mehr.

„Das sagt sich so einfach.“ Lily ließ sich auf eine Wurzel sinken und sah zu ihrer Hand hinab. Sie hielt einen grauen Klumpen Lehm umklammert. Angewidert warf sie ihn weg und wischte sich die Finger im Moos ab. Dann tastete sie über ihre verletzte Schulter. Die Kratzer brannten, waren jedoch nicht wirklich tief. Sie hatten bereits aufgehört zu bluten.

Geht es? Adrian hockte sich neben sie und untersuchte ihre Verletzung. Es tut mir Leid. Ich hab nicht gut genug auf deinen Körper aufgepasst.

„Du hast zu lange gebraucht, um ihn zur Strecke zu bringen“, erwiderte Lily ohne auf seine Entschuldigung einzugehen.

Ich weiß. Er war stärker, als ich dachte. Das größte Problem waren deine Schuhe. Ich bin mit dem Absatz in einer Wurzel hängengeblieben.

Lily rollte mit den Augen und sah zu ihm. „Ach wirklich? Wer hatte nochmal diese tolle Idee mit dem Outfit?“

Adrian zuckte die Schultern. Ich weiß. Tut mir Leid. Ich dachte er wäre leichter zu besiegen.

„Na toll! Wenn wir wegen dir die Prüfung nicht bestehen, werde ich kein Wort mehr mit dir reden.“ Erschöpft rappelte sie sich auf. Ihre Beine fühlten sich weich und unsicher an. Nach und nach machte sich der Kampf, den Adrian gefochten hatte in ihren Gliedern bemerkbar, gepaart mit einer unsäglichen Müdigkeit.

Es tut mir leid …

Lily schüttelte den Kopf. „Lass gut sein. Für den Moment will ich einfach nach Hause. Je eher ich aus diesen Klamotten raus komme, desto besser.“

(c) Juliane Seidel, 2011-2012