| Die vergessenen Kinder Leseprobe |
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Kapitel 15 - Das Herz der Wüste
„Dort vorne ist Radhan!“ Der Schrei des schmächtigen Mannes ließ schlagartig alle Gespräche verstummen. Im nächsten Moment hetzten die ersten an Kim vorbei gen Bug, um sich am Anblick der Stadt am Horizont zu erfreuen. Die Sonne war vor nicht einmal einer Stunde aufgegangen und tauchte Radhan in blassrotes Licht. Bereits jetzt war es unerträglich in der Sonne und es versprach noch heißer zu werden, als am Vortag. Viele der Männer hatten sich kurz vor Sonnenaufgang in den Schatten verzogen und harrten der Dinge. Sie waren dank des Wüstengleiters zum ersten Mal arbeitslos gewesen, da das neue Schiff fast von selbst durch die Wüste glitt. Zu Beginn, als Kim die ersten Böen hervorgerufen hatte und sich das Schiff langsam in Bewegung setzte, war die gesamte Mannschaft voller Vorfreude gewesen. Aufgeregt und neugierig tummelten sie sich an Deck, beobachteten genau, wie der riesige Wüstengleiter anfuhr und langsam die erste Düne hinab rutschte. Die Kufen hielten was sie versprachen und das Schiff fuhr wie ein Schlitten über den Sand dahin. Kim wusste selbst nicht, wie all das genau funktionierte. Vielleicht lag es auch an ihm. Er wünschte sich, dass der Wüstengleiter über den heißen Sand segelte, als sich der erste Windhauch in den beiden Segeln verfing. Glücklicherweise funktionierte dieses Mal alles wie geplant. Kim hatte keinerlei Schwierigkeiten den passenden Wind heraufzubeschwören. Sein Widersacher ließ ihn in Ruhe. Die Reise selbst glich einem Kinderspiel. Das niedrige Segel nahe der Brücke wurde von Falballa selbst entsprechend des Windes ausgerichtet. Rasul stand die gesamte Nacht dicht bei ihr, um sie anhand der Sterne auf dem richtigen Kurs zu halten. Ein halbes Dutzend Mal mussten sie anhalten, um die Leinen und das Holz mit dem restlichen Wasser zu kühlen, dass sie noch besaßen. Falballa und Jujin wollten auf diesem Weg verhindern, dass ein Feuer an Bord ausbrach, weil die Reibung des Sandes das trockene Holz leicht entzünden konnte. Bei jedem Halt kamen die Seitensegel zum Einsatz, die einzig dazu dienten gegen den Wind gerichtet zu werden, um den Wüstengleiter abzubremsen. Kim war fasziniert, wie perfekt das Schiff funktionierte. Sie erreichten Radhan sogar schneller als geplant. Mit etwas Glück wären sie in einer knappen Stunde vor den Toren der Stadt. Sein Herz schlug vor Aufregung, als er sich mit Elisa durch die Männer drängelte und nach vorne schob. Er wollte ebenfalls einen Blick auf die Wüstenstadt erhaschen. Bisher kannte er Radhan nur aus der Luft, da der alte Himmelsgleiter stets die Stadt überflogen hatte, um zu den Landungstürmen im Osten zu gelangen. Umso faszinierender war es Radhan aus dieser Perspektive zu entdecken. Den Männern schien es ebenso zu ergehen. „Du hast es geschafft!“, flüsterte Elisa glücklich. „Wir haben es geschafft!“, entgegnete Kim und lächelte. „Nur noch wenige Kilometer, dann sind wir da.“ „Dieses Mal hast du den Wind gut unter Kontrolle!“, rief Falballa, die neben ihn trat. Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Ohne dich hätten wir sicher nicht so schnell die Stadt erreicht.“ „Und ohne Iksandar auch nicht!“, fügte Rasul hinzu. „Ja ja, ich gebe zu - ohne ihn auch nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Kufen wirklich so gut funktionieren. Wir mussten sie wirklich nicht kühlen.“ Sie schloss die Augen und genoss den sanften Wind, der durch ihre Haare fuhr. „Nur das Reisen ist ein wenig unkomfortabler. Über den Wolken ist es wenigstens angenehm kühl. Hier unten wird man von der Sonne weichgekocht!“ „Das ist ja nur eine Ausnahme!“, sagte Kim. „Ihr werdet doch den Himmelsgleiter wieder aufbauen, oder?“ „Aber sicher. Wenn wir Iksandar nicht finden, wegen seines seltsamen Materials, benutze ich es, um das notwendige Geld für die Reparaturen zusammen zu bekommen.“ Falballa grinste verschmitzt, schielte aber auffordernd zu Rasul. Es war offensichtlich, dass sie ihren ersten Maat reizen wollte. „Das ist ihm gegenüber nicht sonderlich fair“, entgegnete Elisa und blies die Backen auf. „Ich weiß, aber in gewissem Maße bin ich so etwas wie ein Luftpirat.“ Sie entblößte ihre weißen Zähne in einem Grinsen. „Wirklich?“, fragte Elisa entsetzt. Sie warf Kim einen vorwurfsvollen Blick zu. Kim zuckte leicht mit den Schultern. „Ich sehe es wie Elisa. Wenn man Iksandar Glauben schenken darf, ist dieses Material nicht nur sehr wertvoll, sondern auch schwer zu vertreiben. Wir wissen nicht, wem wir es verkaufen können, Falballa. Daher sollten wir es ihm zurückgeben. Immerhin hat er es uns nur unter dieser Bedingung überlassen.“ Falballa seufzte. „Ihr seid vielleicht ein paar Mimosen. Aber gut, wahrscheinlich habt ihr Recht. Wir geben es zurück, wenn er Radhan erreicht.“ Sie sah zum Himmel auf, blinzelte gegen die Sonne. „Das dürfte in ein paar Tagen der Fall sein. Um den Gleiter zu reparieren, müssen die Männer eben auf ihren Anteil verzichten!“ Ein Raunen ging durch die Menge, doch niemand begehrte gegen Falballas Entschluss auf. Kim spürte deutlich, dass sie mit mehr Widerspruch gerechnet hatte. Sie tat es mit einem Schulterzucken ab und wandte sich zum Gehen. „Ich sage Kion Bescheid. Dann kann er Vorbereitungen treffen, um die Verletzten zu Heilern zu bringen, die über ausreichend Kräuter verfügen.“ Mit schnellen Schritten entfernte sie sich. Sie verschwand unter einer Plane, die das Krankenlager schützte. „Was hat sie nur gegen ihn?“, murmelte Rasul und schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzogen. „Liegt wahrscheinlich daran, dass so viele Männer, dich eingeschlossen, so begeistert von ihm sind“, erwiderte Kim. Er strich sich das Tuch, das ihn die gesamte Nacht hindurch auf der Brücke vor dem kalten Wind und den Sand geschützt hatte, endgültig aus seinem Gesicht. „Denk doch mal nach - wenn urplötzlich jemand auftaucht und unabsichtlich deine Autorität untergräbt, wie würdest du dann reagieren?“ „Du meinst, sie benimmt sich ihm gegenüber so unmöglich, weil sie Angst hat, ihre Crew zu verlieren?“ Rasul sah ihn mit offenem Mund an. „Aber das ist doch vollkommen irrsinnig. Niemand würde ihr in den Rücken fallen!“ „Ich weiß, aber vielleicht ist sie sich dessen nicht gänzlich bewusst. Ich stelle nur Vermutungen an … und diese würde Sinn ergeben, oder?“ „Ja, aber trotzdem…!“ Kim sah wieder zur Stadt, die sich im Zwielicht deutlicher von dem hellen Wüstensand abhob. Die Mauern der Stadt wurden nun von rotem Licht erhellt und waren weithin sichtbar. Er konnte auch die ersten Türme, Häuser und Fahnen entdecken. Ganz Radhan bestand aus hellem Sandstein. Nur der Fürstenpalast war weiß und strahlend gehalten. Rotschwarze Fahnen mit dem Wappen Radhans, flatterten an den Türmen im Wind. Die Stadt war seit jeher Umschlagspunkt für Händler, Handwerker und Reisende. Oftmals wurde sie ‚Herz der Wüste‘ genannt, da es nur hier möglich war eine Stadt zu errichten. Tief unter dem sandigen Boden durchströmte der Fluss Uskandir die unterirdischen Höhlensysteme. Erst viele Hunderte Kilometer südlich trat das Gewässer zu Tage. Dort verwandelte er die Wüste in einen Regenwald. Dieser Fluss war das eigentliche Herz Radhans. Er speiste zwölf Brunnen mit Wasser, die das Zentrum der Stadt bildeten. Jeder einzelne war Mittelpunkt eines Viertel, einzig dem Palast standen drei Wasserspender zur Verfügung. Den Legenden nach gab es einen geheimen Pfad tief hinab zu den Ufern Uskandirs. Dort sollten Dschinn und Geister geboren werden. Ein jeder, der in dem Wasser badete und zu den Geistern betete, sollte dem Glauben nach unvorstellbare Kräfte erhalten. Vor vielen Jahrhunderten fand Damas, Gründer Radhans, den geheimen Pfad hinab und betörte die Geister ihm zwölf Brunnen zu schenken. Radhan war geboren und selbst heute hielten die Geister ihr damaliges Versprechen. Nie würden diese Wasserspender austrocknen; Radhan damit niemals untergehen. Die Nachfahren Damas‘ saßen noch heute auf dem Thron und die Brunnen waren das heilige Symbol der Stadt. Sogar auf den Wappen waren sie zu finden. Kim kannte das rotgrundige Herrschersymbol mit zwölf schwarzen Punkten und der gewellten Linie, die alles umschloss. Unterdessen konnte er die ersten Fahnen schon gut genug erkennen, um das Wappen zu sehen. Sie waren nah an Radhan herangekommen. Sofort ließ er die Böen ausklingen, bis der Wind gänzlich verschwand. Schon vor einigen Minuten hatten sich die Männer darum gekümmert, die Seitensegel auszuklappen und sie gegen den Wind zu richten. Allmählich wurde das riesige Schiff langsamer und kam schließlich kaum fünfzig Meter von den offenen Stadttoren entfernt zum Stehen. Ihre Ankunft sorgte für Gespräche, staunende Blicke und viele neugierige Menschen. Etliche Händler und Reisende waren stehen geblieben und sahen zum Wüstengleiter. Einige wenige strömten ungeachtet des gewaltigen Schiffes in die Stadt, alte Mulis oder Kamele hinter sich herziehend. Eine riesige Handelskarawane schlug ihr Lager vor der Stadt auf. Scheinbar waren die Gasthäuser Radhans überfüllt. Der Wind brachte leise Musik und das Lachen der Menschen mit sich. Kim erinnerte sich, dass die alljährliche Festwoche in vollem Gange war. Wenn sie viel Glück hatten, war stand ihnen Damasfest noch bevor, ein wirklich einmaliges Erlebnis. Kim hatte es schon immer einmal erleben wollen. „Das ist also Radhan?“, murmelte Elisa. „Ja, das Herz der Wüste!“, sagte Kim. Mit leuchtenden Augen sah er zu den Wachen, die einen bunt geschmückten Karren durchwinkten. „Die größte Stadt, die es hier gibt und die reichste noch dazu. Nahezu alle Händler kommen hierher, um Geschäfte zu machen. Einige verlassen die Stadt nie wieder und bleiben hier, nachdem sie ein entsprechendes Geschenk hinterlassen haben.“ „Geschenk?“ „Ja… siehst du den weißen Turm dort?“ Kim deutete auf die höchste Spitze und die Fahne, die im Wind wehte. „Dort lebt die Herrscherfamilie Radhans. Wenn man Teil der Stadt werden will, muss man ein Geschenk anbieten, das Radhan hilft.“ „Und was soll das sein?“, fragte Elisa. „Wenn du ein Heiler bist, könnte das ein seltenes Kraut sein oder du hast herausgefunden, wie man eine bestimmte Krankheit heilt. Oder du bist ein Handwerker und kannst etwas herstellen, was nur du bewerkstelligen kannst. Das System innerhalb Radhans ist eine Art Tauschsystem. Jeder arbeitet für jeden. Man unterstützt sich gegenseitig und der Handel mit den Städten außerhalb sorgt für den notwendigen Austausch und die Zirkulation der Güter. Der Herrscher verwaltet letztendlich alles und überwacht es.“ „Klingt sehr idealistisch!“ „Aber es funktioniert. Ich finde Radhan toll.“ Mit einem breiten Grinsen verschränkte er die Arme vor der Brust. Sie schnaubte ein wenig. „Na klar, du hast es ja auch erfunden.“ „Das schon, aber dass es so gut klappt, hätte ich nicht gedacht.“ Er sah zu ihr. „Sobald wir durch die Tore gegangen sind, suchen wir uns eine ruhige Gasse und wachen endlich auf.“ Kim zögerte und verschränkte die Arme vor der Brust „Oder wir warten noch ein wenig und …“ Er sah zu Falballa und Rasul, die zusammen mit einem halben Dutzend Männer beschäftigt waren die hölzerne Rampe zu Boden zu lassen. Schließlich kamen einige Wachen vom Tor herüber, die mit großen Augen und verblüfften Gesichtern zu Falballa aufblickten. „Was und?“, fragte Elisa neugierig. „Was um alles in der Welt ist das für ein seltsames Gefährt?“, fragte einer der Wachmänner laut genug, dass sogar Kim ihn verstehen konnte. Er schüttelte kurz den Kopf und sah zu den Soldaten Radhans hinab. Falballa trat vor und ging die Rampe hinab. Sie breitete die Arme aus. „Na sieh einer an! Falballa! Ich dachte schon, du schaffst es nicht mehr zur Damasfestwoche!“ Ein anderer Mann trat vor und stützte die Hände in die Hüften. Er war breit und ein wenig untersetzt. Lange braun gelockte Haare hingen über seine Schultern und in sein breites, dunkelhäutiges Gesicht. Er grinste breit und funkelte Falballa an. „Sag bloß nicht, dass dein Himmelsgleiter zu solch einem seltsamen Ding geworden ist, weil du einen Dschinn beleidigt hast!“ „Blödsinn“, erwiderte Falballa und stemmte die Hände in die Hüften. „Ein Sturm hat uns überrascht und wir mussten ihn geringfügig umbauen, um die Stadt zu erreichen.“ „Geringfügig?“, fragte der Mann spöttisch. Er schüttelte den Kopf. Bänder und Federn waren in die Haare geflochten. „Hör auf so zu grinsen. Sag mir lieber, wie viele Tage das Fest noch läuft.“ „Drei Tage wirst du warten müssen, bevor du handeln und tauschen kannst. Momentan erreicht das Fest seinen Höhepunkt.“ Er lehnte sich auf seinen Stab und sah an Bord. Mit einem Grinsen musterte er die Männer. „Natürlich werden Reparaturen ebenfalls nicht möglich sein, bis die Festtage vorüber sind. Zudem solltest du dafür direkt zum Anlegeturm für Luftschiffe.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung auf einen breiten Turm, der sich im östlichen Stadtviertel befand. „Ich weiß, aber da dieser in der Stadt liegt, war es uns nicht möglich ihn zu erreichen!“ Sie knurrte leicht und winkte Kion zu sich. „Wir haben Verletzte, Felon. Wir brauchen Heiler, die Kion unterstützen.“ Die Miene des Mannes verdüsterte sich, dann nickte er. „In Ordnung. Schick einige deiner Männer in die Stadt. Ich hoffe, dass du noch welche findest, die in der Lage sind die richtigen Kräutertinkturen herzustellen. Momentan feiert jeder, auch wenn es Heiler gibt, die sich nicht den Verstand aus dem Kopf saufen.“ „Vielen Dank. Da ich davon ausgehe, dass die Gasthäuser gnadenlos überlaufen sind, werden wir hier unser Lager aufschlagen. Dein Wort darauf, dass wir die Stadt betreten und verlassen können?“, fragte sie. „Sicher!“ Er wandte sich ab und gab den anderen Männern ein entsprechendes Zeichen. „Was für eine seltsame Stadt. Sie feiern, obwohl andere Hilfe brauchen?“, murmelte Elisa entrüstet. Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Du solltest seine Worte nicht so wörtlich nehmen, Elisa“, sagte Kim grinsend. „Das war nicht irgendjemand, sondern Falballas Neffe. Das ist ihre Art miteinander umzugehen. Wenn wirklich etwas Schlimmes passiert wäre, hätte Felon alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Heiler und Handwerker zusammen zu trommeln, Festwoche hin oder her.“ „Und was hast du mir eben vorschlagen wollen?“, griff sie den Faden der vorherigen Unterhaltung wieder auf. „Wie wäre es, wenn wir noch ein wenig mit dem Aufwachen warten und uns noch heute Abend für ein paar Stunden das Fest ansehen? Jetzt wo es immer heißer wird, schlafen die meisten, aber spätestens zur Dämmerung wird die Stadt zu einem wahren Hexenkessel.“ Kim strahlte sie an. Sein Herz schlug heftiger, als er an all die Menschen und die geschmückte Stadt dachte. Er musste sie einfach überzeugen! „Ich wollte Radhan schon immer besuchen, wenn die Feierlichkeiten in vollem Gange sind! Ich bin mir sicher, dass sie dir gefallen würden!“ „Was für ein Fest ist das eigentlich?“, fragte Elisa skeptisch. „Das Fest zu Ehren Damas‘. Er hat die Stadt vor langer Zeit gegründet. Einmal im Jahr feiert man die Geburt der zwölf Brunnen, die solch eine Stadt mitten in der Wüste überhaupt erst möglich machten.“ „Verstehe. Also ein wichtiges Fest.“ Sie sah mit leuchtenden Augen zum Tor und die breite Straße entlang. Kim jubilierte innerlich. Scheinbar hatte er sie mit seiner Neugierde angesteckt. Die Zeit bis zum Abend verging wie im Flug. Kim war von den Anstrengungen der letzten Nacht erschöpft genug, um trotz der Mittagshitze Schlaf zu finden. Er schlief im Schatten des Wüstengleiters einige Stunden lang. Anschließend besuchte er Annatar, der immer noch in einem tiefen Schlaf gefangen zu sein schien. Die Wunden des Magiers waren unterdessen fast vollständig geheilt. Es blieb Kion ein Rätsel, wieso Annatar nicht aufwachen wollte. Immer wieder versuchte er ihn mit streng riechenden Kräutertinkturen aufzuwecken, doch Annatar reagierte nicht. Schließlich entschied Kion Annatar in die Hände eines befreundeten Heilers zu übergeben. So wurde Annatar von zwei Männern und Kion in die Stadt gebracht, als die Sonne langsam zu sinken begann. Kim war das nur Recht. Den ganzen Nachmittag hatte er gegrübelt, wie er Annatar helfen konnte und kam zu dem Entschluss, seinen Freund mithilfe des Traumspiegels zu sich nach Wiesbaden zu rufen, sobald er selbst aufgewacht war. Unterdessen war sich Kim nämlich fast sicher, dass Annatar von jemandem absichtlich ausgeschaltet worden war. Sein träumender Gegner könnte für Annatars Zustand verantwortlich sein. Er hatte ihn womöglich ganz gezielt ausgeschaltet. Wenn der Magier aus dem Einflusskreis dieses fremden Träumers gerissen wurde, kam er vielleicht endlich wieder zu sich. Kim betete, dass dieser Plan gelang. Er besprach sich mit Finn, der eine ähnliche Meinung vertrat. Auch er vermutete, dass jemand Annatar absichtlich schlafen ließ, um Kim selbst zu schwächen. „Ich hoffe es wird ihm bei dem Heiler nichts passieren“, flüsterte Silberfünkchen. Sie hatte eine Hand um Goldlöckchen gelegt, die Annatar, Kion und den Männern hinterher sah. „Das denke ich nicht“, versprach Kim. „Und so lange wird er dort nicht bleiben müssen. Sobald wir zurück sind, rufe ich ihn zu mir.“ „Und du denkst wirklich, dass er dann aufwacht?“, fragte Elisa. „Ich hoffe es. Mehr Ideen habe ich leider nicht.“ „Und er wird hier einfach so verschwinden?“, fragte Finn. „Ist das nicht auffällig?“ „Genauso auffällig, wie damals als ihr verschwunden seid. Wenn der Heiler Alarm schlägt, werden wir nicht mehr hier sein und wenn ich irgendwann in den nächsten Wochen auf Falballa treffen, werde ich ihr erzählen, dass sich nur ein Dschinn einen Spaß erlaubt hat.“ „Ich hoffe, das nimmt sie dir ab“, erwiderte Silberfünkchen skeptisch. „Ich auch, aber wie gesagt – so langsam weiß ich keine anderen Lösungen mehr. Es wird schon klappen.“ Kim sah zu Goldlöckchen und strich ihr behutsam über den Kopf. „Du wirst sehen. Annatar wird es gut gehen. In ein paar Stunden siehst du ihn wieder.“ Die kleine Fee nickte. „Ich würde sagen, dann brechen wir auf“, beschloss Kim fröhlich. „Wir verabschieden uns schnell, besuchen für ein paar Stunden das fest und machen uns dann nach Hause auf. Um euch vorzuwarnen - momentan ist Damasfestwoche, sprich die Straßen sind überfüllt. Es wird laut und hektisch werden. Damit wir uns nicht verlieren, sollten wir nah beieinander bleiben.“ Er setzte sich Finn auf die Schulter und hielt den Feen die Hand hin. Bereitwillig kletterten Silberfünkchen und Goldlöckchen in seinen Ärmel. „Wenn es sein muss?“, kommentierte Finn. Er war der einzige, der sich dagegen ausgesprochen hatte, noch mehr Zeit zu vergeuden. Er wollte lieber sofort nach Wiesbaden zurückkehren. „Wir wollen uns nur ein wenig umsehen!“, erklärte Kim geduldig. Ein paar Stunden mehr sollten niemandem wehtun.“ Er schielte zu dem Rattendrachen. Finn schnaubte, gab sich aber geschlagen. Mit einem schelmischen Lachen reichte er Elisa spielerisch die Hand: „Willst du dir das Fest ansehen, bevor wir zurückkehren? Nur ein paar Augenblicke in das bunte Gewusel abtauchen, bevor wir uns wieder auf den Weg machen?“ „Sehr gerne!“ Sie legte sich das beigefarbene Tuch Iksandars um Hals und Schultern, verdeckte dann ihre weißen Haare und reichte ihm die Hand. „Das richtige Tuch hast du schon mal!“, rief ihr Kim zu, während er ihre Hand ergriff. „Du wirst sehen, dass fast alle Frauen eins tragen. Es soll die Wüste symbolisieren, bevor die Brunnen hervortraten!“ Die Sonne ging unter, als sie sich auf den Weg machten. Schon jetzt glich Radhan einem Hexenkessel. Den ganzen Tag hindurch war Musik zu hören gewesen, doch jetzt steigerte sich der Lärmpegel ins Unermessliche. Nachdem sie sich überschwänglich von Falballa, Rasul und der Crew verabschiedet und bedankt hatten, betraten sie eine andere Welt. Die Hauptstraße, die vom großen Tor aus direkt in das Zentrum der Wüstenstadt und damit zum Palast führte, war geschmückt und voller Leben. Bunte Fahnen, Tücher und Wimpel waren zwischen den quadratischen Häusern gespannt. Teilweise verzierten Planen die Wände der Gebäude. Bereits nach wenigen Metern wurden sie von einem Strom Menschen erfasst. Jeder strebte dem großen Sternenplatz zu, auf dem die Rituale abgehalten wurden. Kim war es unmöglich einen anderen Weg einzuschlagen. Er hatte Elisas Hand fest umklammert und wollte sie unter keinen Umstanden loslassen. Sie durften sich nicht verlieren. Zu beiden Seiten der Hauptstraße standen Menschen, unterhielten sich, tranken und tanzten. Eine junge Frau führte barfüßig einen Schleiertanz auf. Sand wirbelte um ihre Beine, während sie von einem Mann mit einem hölzernen Instrument begleitet wurde. Etliche blieben stehen und schauten der Darbietung zu. Auch Kim und Elisa konnten sich endlich an den Rand des Gewühls kämpfen. Erschöpft lehnte sich Kim an eines der Häuser. „Es ist mehr los, als ich dachte…“, murmelte er keuchend. „Fast unmöglich sich problemfrei zu bewegen.“ „Ja, das liegt daran, dass wir so klein sind!“, entgegnete Elisa. Sie ließ seine Hand los, um sich das Tuch zurecht zu zupfen. „Aber was für ein buntes Treiben! Das ist ja wie auf einem Jahrmarkt.“ Sie sah sich mit leuchtenden Augen um. Ihr Blick fiel auf die Tänzerin, dann den Barden, bevor sie sich weiter umschaute. Überall tanzten Leute, teilweise berichteten Barden mit Gesang und wilden Gesten von Damas und der Gründung Radhans. Sie erzählten von der Erweckung der Brunnen, schmückten die Legende um viele Passagen aus und ernteten johlenden Beifall von ihrem Publikum. Der ein oder andere bekam Wein oder Bier spendiert, das von kleinen Läden und Ständen angeboten wurde. Auch der würzige Geruch nach gefülltem Fladenbrot lag in der Luft. Kim knurrte der Magen. Er schloss die Augen und genoss die unterschiedlichen Gerüche, die die Stadt ausatmete. Getrocknete Früchte, süße und herzhafte Backwaren, schwerer Wein und exotische Gewürze schwängerten die Luft. Er sah zu einem bunten Stand. Eine dicke Frau verteilte Backwerk jeglicher Art. „Ich hab Hunger!“, sagte er leise. „Vielleicht sollten wir uns zu einem der Händler durchschlagen und etwas essen! Was meinst du, Elisa?“ Sofort griff er nach ihrer Hand um sie mit sich zu ziehen, erntete jedoch einen überraschten Aufschrei. „Entschuldigung!“, sagte er sofort. Im nächsten Moment wurde ihm bewusst, dass das nicht Elisas Stimme gewesen war. Entsetzt sah er zu der fremden Frau, die direkt neben ihm an der Wand lehnte. Sie sah ihn befremdlich an, dann lächelte sie jedoch. „Ist doch in Ordnung. Kann ich dir helfen?“, fragte sie mit rauer Stimme. Kim schauderte unwillkürlich. „Nein nein!“ Er sah sich nach Elisa um. Vor wenigen Sekunden noch stand sie direkt neben ihm, jetzt war sie wie vom Erdboden verschluckt. Kims Herz machte einen entsetzten Sprung, nur um doppelt so schnell weiter zu schlagen. Hektisch suchte er die an ihm vorbeiziehenden Menschen nach Elisa ab. Sie konnte unmöglich so schnell in der Masse untergetaucht sein, oder? „Habt Ihr meine Freundin gesehen?“, fragte er die Fremde neben sich. „Nein, wie sieht sie denn aus?“, fragte sie ehrlich überrascht. Automatisch sah sie sich ebenfalls um, trat sogar von der Wand weg. „Sie trägt ein beigefarbenes Tuch und ein dunkles Gewand. Und sie ist ungefähr so groß wie ich!“ „Diese Beschreibung ist nicht sonderlich hilfreich. Nahezu jede Frau trägt solch ein Tuch, immerhin findet heute das Ritual des Sandes statt!“, erwiderte sie und deutete auf ihr eigenes. Es war ebenso beigefarben wie das Elisas. Kim spürte, wie die Nervosität in ihm anstieg. Seine Hände wurden feucht. Eine schreckliche Vorahnung keimte in ihm auf. Hatten sie sich bereits nach so kurzer Zeit aus den Augen verloren? Er stieß sich von der Wand ab und rief laut: „Elisa?“ Suchend stellte sich auf die Zehenspitzen, in der Hoffnung mehr entdecken zu können. Doch es schien ihm unmöglich die Menschen zu überblicken. „Mach dir keine Sorgen um sie. Es ist Damasfest. Da wird ihr nichts passieren!“ Sie lachte und ergriff seine Hände. „Wie wäre es mit einem Tanz um dich auf andere Gedanken zu bringen?“ Noch bevor Kim ablehnen konnte, wirbelte sie ihn herum und drückte ihn fest an ihre Brust. Sie klopfte ihm auf den Rücken und Kim spürte schmerzhaft seine Verletzungen wieder. Die Frau lachte und riss ihn in ihrer Euphorie einfach mit sich. Wild tanzten sie über den sandigen Boden. Kim hatte Mühe nicht zu stolpern oder in die Menschen hineingestoßen zu werden. Schließlich gelang es ihm sich von ihr zu lösen. Erleichtert tauchte er in der Menge unter, ohne dass sie ihm folgen konnte. Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass sie ohne ihn weitertanzte. Sie schien nicht einmal zu bemerken, dass er weg war. „Was war das denn?“, fragte Finn keuchend. Er klammerte sich an Kims Gewand fest und schlug nervös mit den Flügeln. „Mir ist fast schlecht geworden.“ „Elisa ist weg!“, erwiderte Kim außer Atem. Er boxte sich ein einer Gruppe Männer vorbei, die gerade eben ihre Becher erhoben. „Von jetzt auf gleich war sie nicht mehr neben mir!“ „Na prima. Wir hätten doch nicht zum Fest gehen sollen!“, schrie ihm Silberfünkchen ins Ohr. Sie schwirrte empor und sah sich um. Niemand registrierte sie. Die meisten waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. „Was hab ich dir gesagt, du Narr!“, ereiferte sich Finn. „Wir hätten sofort zurückkehren sollen!“ Kim ignorierte seine Vorwürfe. Er erreichte die gegenüberliegende Hauswand und lehnte sich dagegen. Direkt neben ihm hockte ein Junge, der dabei war seine Laute neu zu besaiten. „Sie ist nirgendwo zu entdecken!“, sagte Silberfünkchen, als sie wieder auf seiner Schulter landete. „Wieso müsst ihr euch auch in diesen Hexenkessel aufmachen, wenn wir am Ziel sind.“ „Ich wollte doch nur einmal das Damasfest erleben. Und ich wollte ihr eine Freude machen!“, rechtfertigte sich Kim. „Sie sah so glücklich aus, als ich ihr davon erzählte. Ihre Augen strahlten richtig! Ich dachte mir, für sie sei es ein wundervoller Abschluss unserer Reise solch ein rauschendes Fest zu erleben. Dabei hatte ich nicht einmal vor bis zum Sternenplatz zu gehen, sondern nur hier vorne etwas zu Essen zu holen und den Barden zu lauschen …“ „Egal wie, wir müssen sie finden!“, unterbrach Finn ihn. Er sah zu Silberfünkchen und Goldlöckchen. „Ich schlage vor, dass ihr beide versucht sie hier auf den Straßen zu finden. Wenn sie jemand in diesem Chaos entdecken kann dann ihr.“ Die beiden Feen nickten. „Kim und ich gehen zum Himmelsgleiter zurück. Wenn ich an Elisas Stelle wäre, würde ich zu Falballa zurückkehren und dort warten.“ |
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