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Die Legende der Sonnenhörnchen
Er liebte den Herbst. Die rot-goldenen Blätter, die warmen Sonnenstrahlen und der würzige Geruch nach Erde, Laub und Feuchtigkeit, der die Luft durchwob. Die atemraubende Hitze des Sommers war verschwunden und endlich wurden die Nächte wieder kürzer, aber dennoch nicht zu kalt um die Sterne im Freien zu beobachten. Zudem war der Winter noch fern, auch wenn die Tiere bereits begannen Vorräte für den Winter zu sammeln, wie das Eichhörnchen, das er immer wieder von seinem Fenster aus beobachten konnte. Es schleppte schon seit einiger Zeit Nüsse und Samen in ein Versteck, das er bisher noch nicht gefunden hatte. Kim mochte das Rascheln der Blätter, die leuchtenden Farben der Bäume, die sich seiner Meinung nach in ihre beste Garderobe gekleidet hatten, um den Herbst zu preisen. Im Grunde mochte er alle Jahreszeiten, doch der Herbst sagte ihm doch am meisten zu. Vielleicht war das der Grund, weswegen er seine Haare in diesen Tönen gefärbt hatte. Sein brauner Schopf zierten etliche rote und blonde Strähnen und manchmal wurde er allein deswegen schon ‚Herbstjunge’ genannt. Ein lustiger Name und obgleich er bei den ersten Malen nicht so begeistert reagiert hatte, liebte er seinen Spitznamen unterdessen.
„Bleib sofort stehen!“
Der Schrei des jungen Mannes riss Kim aus seinen Gedanken. Für eine Sekunde geriet er ins Straucheln und fiel fast der Länge nach auf den kalten, tristen Flur des Altersheimes, konnte sich aber im letzten Moment fangen. Bei dem Anblick der roten Blätter, die am Fenster vorbei fielen, hatte er fast vergessen, dass er ja ‚auf der Flucht’ war. Vor wem lief er noch mal davon? Ein Blick über die Schulter und Kim wusste, dass es sich bei seinem Verfolger um Bruno handelte, einem Pfleger, der sich ebenso wie sein Freund Olli um die alten Menschen hier kümmerte. Wieso war er auch ausgerechnet ihm in die Arme gelaufen? Kim hatte Olli von seiner Arbeit abholen wollen. Stattdessen lieferte er sich mit Bruno, der ihn einfach nicht leiden konnte, eine Verfolgungsjagd wie im Kino. Dabei war seine Aktion mit dem Wasser letztes Mal nur Spaß gewesen, doch Bruno war scheinbar anderer Auffassung. Immerhin hatte der Pfleger von der kühlen Dusche mehr abbekommen, als Kim es beabsichtigt hatte und ein wenig konnte er den Zorn verstehen, der ihm nun entgegengebracht wurde. Von Olli hatte Kim schließlich erfahren, dass sich Bruno vehement dagegen ausgesprochen hatte, dass Kim überhaupt nur die Nähe der alten Leute kam. Er sei eine Gefahr! Dabei mochte es Kim hier. Sicher es roch nach Desinfektionsmitteln und alten Leuten, aber viele unter ihnen konnten Kimmy Geschichten ihres eigenen Lebens erzählen und Kim lauschte nur zu gerne den Ausführungen.
Kim schnaubte und bog mit schlitternd um eine Ecke in einen Gang hinein, den er bis dahin noch nicht betreten hatte. Eine angelehnte Tür zog im nächsten Moment Kims Aufmerksamkeit auf sich und noch bevor er darüber nachdachte, wer in dem Zimmer liegen konnte, schlüpfte er in das dahinterliegende Zimmer und schloss vorsichtig die Tür. Stickige, abgestandene Luft empfing ihn und nahm ihm für einen Moment den Atem. Dann erklangen Schritte, die an seinem Versteck vorbeiliefen und schließlich verstummten. Er hatte ihn abgehängt und Kim atmete erleichtert auf. Während er versuchte seine Atmung etwas unter Kontrolle zu bekommen, sah er sich um. Ein typisches Zimmer, wie es in diesem Heim Dutzende gab, lag vor ihm. Die Vorhänge waren zugezogen und die Fenster wahrscheinlich schon seit Tagen nicht geöffnet worden. Es roch unangenehm und Kim verzog das Gesicht. Vielleicht sollte er lieber gleich verschwinden, doch die Neugierde hielt ihn zurück. Wer lag hier? Möglicherweise jemand, der geistig überhaupt nichts mehr wahrnahm und somit auch ihn nicht bemerken würde.
Leise schlich er sich den schmalen, offenen Flur entlang, an der Tür zum Badezimmer vorbei und warf einen Blick in den Raum. Nur ein Bett stand hier, nicht zwei wie normalerweise üblich und in diesem lag eine zierliche, fast schon abgemagerte Frau. Kim hatte im ersten Moment das Gefühl einen Geist zu sehen. Schlohweiße Haare und eine fast transparente Haut, die sich um ihren Schädel spannte und ihr fast den Anschein eines Leichnams verlieh, ließen Kim im ersten Moment zurückweichen. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der so alt und zerbrechlich schien. Lediglich das regelmäßige Heben und Senken der Brust ließ darauf schließen, dass die Frau lebte.
Sie wirkte seltsam verloren in dem Bett, ging fast unter und obwohl sie so krank aussah, gab es keinerlei Geräte, die darauf hindeuteten, dass die Frau im Sterben lag. Im Grunde war das unsinnig- er befand sich in einem Heim, nicht in einem Krankenhaus.
Kim betrachtete sie eine ganze Weile, ging dann zum Fenster hinüber und öffnete es leise, ohne die Vorhänge aufzuziehen. Frische Luft würde nicht verkehrt sein und er atmete für einen Moment den würzigen Geruch der Ahornbäume ein, die er vom Fenster aus sehen konnte. Die alte Dame hatte einen wunderschönen Blick, direkt in den bepflanzten Hof hinein und Kim bedauerte, dass die Vorhänge geschlossen waren.
„Wer ist da?“, vernahm er eine schwache und krächzende Stimme. Die Frau war scheinbar von dem leisen Klappern des Fensters aufgewacht und Kim fühlte sich ertappt. Der Stoff verbarg ihn zwar, doch ewig würde er sich hier nicht verstecken können.
„Ich bin gleich wieder weg“, murmelte er und schob die Gardine beiseite. Er blinzelte, ob des düsteren Zimmers und sah sich dann zwei überraschend wachen Augen gegenüber. Die Frau hatte lediglich ihren Kopf zur Seite geneigt und sah ihn nun aus leuchtend grünen Augen an. Sie wirkte schlagartig einige Jahre jünger und Kim schluckte, als er den musternden Blick spürte, der wachsam über sein rundes, verschwitztes Gesicht und seinen Körper glitt. Nervosität stieg in ihm auf und nachdenklich sah er an sich herab. Seine abgewetzte Lederjacke, die er mit Markern und Stiften bemalt hatte, seine schwarze, mit Buttons verzierte Hose und der viel zu große Pullover waren wohl weniger vertrauenserweckend. Sogar seine Umhängetasche hatte bessere Zeiten erlebt, doch er liebte dieses abgenutzte Ding, in das er so viele Sachen packen konnte. Im Grunde sah er ziemlich heruntergekommen aus und normalerweise störte ihn sein Auftreten nicht, doch dieses Mal fühlte er sich seltsam unwohl in seiner Haut. Der beinahe analytische Blick der Frau blieb an seinen Haaren Hängen und ein Lächeln huschte über ihre spröden Lippen. „Der Herbst kommt zu mir.“
Kim erwiderte das Lächeln und wagte sich nun endlich näher an sie heran. Jetzt, wo sie wach war, wirkte sie weder alt, noch gebrechlich und sie schien auch nicht nach einem der Pfleger rufen zu wollen.
„Ich bin Kim und du?“, stellte er sich vor. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht Leute schon aus Prinzip zu duzen, wenn er sie mochte und obgleich der erste Eindruck ihn für einige Minuten irritiert hatte, hatte das Lächeln der alten Dame alle Gedanken fortgewischt. Er mochte sie schon jetzt.
„Ich bin Lara.“ Die Stimme verklang und Kim musste den Kopf neigen, um sie zu verstehen.
„Lara also“, wiederholte er und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, um sich zu ihr zu setzen. Sie war älter als seine bisherigen Bekanntschaften, die er regelmäßig besuchte, doch er war sich sicher, auch sie hatte einiges zu erzählen. Er zog sich einen Stuhl heran, immer unter den wachsamen Blicken der alten Frau und setzte sich dann zu ihr. „Ich bin öfters hier und besuche meine Freunde hier, oder hole Olli von der Arbeit ab“, begann er zu erklären und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du hast hier viele Freunde?“, wisperte sie und Kim nickte. Er war erleichtert, dass Lara ihm antwortete und er entschied sich noch länger hier zu bleiben und ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten.
„Ja, Maria Weber aus dem zweiten Stock berichtet mir immer von ihren Kindern, Hilde Knauer kann tolle Märchen erzählen und mit Herrn Peters gehe ich immer nach draußen und er sagt mir alles über die Bäume und Tiere. Und manchmal trinken wir Tee im Foyer unten.“ Kim breitete die Arme aus und lachte dann. „Ich kann gar nicht alle besuchen, die ich kenne.“
„Es ist schön, dass du sie besuchen kommst.“ Sie schloss die Augen und atmete die frische Luft ein, die durch das offene Fenster ins Zimmer strömte. „Warum bist du dann heute hier?“, fragte sie und hob ihre faltigen Lider ein wenig.
„Ach, Bruno hat mich verfolgt. Der will nicht, dass ich herkomme.“ Entrüstung schlich sich in seine Stimme und er zuckte mit den Schultern. „Aber ich lass mich nicht vertreiben. Tut mir Leid, die Tür stand einen Spalt offen und ich wollte mich verstecken. Aber jetzt wo wir uns kennen, kann ich ja öfters kommen“, fügte Kim hinzu, um Lara nicht traurig zu machen. Er meinte es ernst und geistig setzte Kim ihren Namen mit auf die Liste der alten Menschen, die er kannte und die er regelmäßig sehen wollte.
„Soso.“
Sie versuchte wohl zu nicken, doch ihr Kopf bewegte sich kaum. Erst jetzt viel Kim auf, dass auch ihre Arme und Beine vollkommen regungslos unter der Decke lagen. Ob sie vielleicht gelähmt ist? Kim erschrak dieser Gedanke, da er sich selbst nichts schlimmeres vorstellen konnte. Er wollte nie bewegungsunfähig sein und schnell schüttelte er den Gedanken ab.
„Kann ich was für dich tun?“, versuchte Kim das Gespräch wieder aufleben zu lassen und die grünen Augen öffneten sich erneut. Eine stumme Aufforderung lag in diesem Blick, doch Kim vermochte es nicht einzuschätzen, was genau Lara von ihm verlangte. „Möchtest du vielleicht etwas trinken?“
Noch bevor Kim sich genauer umsehen konnte, schlug ihm ein „Nein“ entgegen. Kim seufzte. „Kannst du die Vorhänge aufziehen?“, fragte sie leise und Kim nickte eifrig. Hektisch zog er den dunklen Stoff beiseite und ließ das warme Sonnenlicht in den Raum hinein. Die Dunkelheit verzog sich in die Ecken und schlagartig wirkte der Raum hell und freundlich. Die weißen Wände wirkten in dem rot-gelben Ton weniger steril und Kim hatte das Gefühl der Raum würde aufatmen und die letzten Tage der Dunkelheit von sich weisen. Auch Lara atmete tief durch und ein warmes Lächeln schlich sich in ihr von Falten durchfurchtes Gesicht, als sie zu dem roten Ahornbaum blickte.
„Das ist schön, oder?“, fragte er und sah ebenfalls aus dem Fenster.
„Ja, ich habe es schon vermisst“, murmelte sie.
„Wieso sind die Fenster zu gewesen und die Vorhänge verschlossen?“, fragte er leise und ein Anflug Unsicherheit keimte in ihm auf. Es musste doch einen Grund haben, warum hier alles verschlossen gewesen war.
„Das ist nicht so wichtig. Erzähl mir doch ein bisschen von dir, Kim.“
Kim nickte gehorsam und begann automatisch von der Schule, seinen Freunden und vielen Dingen, die er bisher nur in seinen Träumen erlebt hatte, zu erzählen. Bisher hatten ihm die alten Menschen von sich erzählt, jetzt durfte er erstmals mehr von seiner Person offenbaren und er genoss es.
Lara selbst war hellwach und lauschte ihm mit unverhohlener Neugierde. Sie stellte kaum Zwischenfragen und egal wie seltsam seine Erzählungen nach einiger Zeit wurden (besonders seine erfundenen Geschichten strotzten nur so von unmöglichen Begebenheiten), hörte ihm Lara zu und schenkte ihm immer wieder ein Lächeln. Auch unterbrach sie ihn nicht und Kim hatte sogar das Gefühl Lara würde immer lebendiger und jünger aussehen. Ihr Haare wirkte nach einigen Stunden nicht mehr so strohig und trocken, sondern warf das warme Licht zurück. Auch ihr Gesicht glättete sich sichtbar und Kim musste sich mehr als einmal die Augen reiben. Träumte er jetzt schon mit offenen Augen, oder verjüngte sich Lara mit jedem Wort, das er erzählte. Ungewollt hatte er sie mit sich in seine Träume und Phantasie genommen und gerade, als er ihr die Legende der Sonnenhörnchen erzählte, hielt er inne und musterte sie nachdenklich:
„Du magst, was ich dir erzähle?“ Seine Stimme war belegt und er sehnte sich nach einer Erfrischung. Nahezu ununterbrochen hatte Kim geredet, doch er fand weder ein Glas noch eine Flasche Wasser auf dem Nachttisch. Keine Blumen schmückten das Zimmer, keine persönlichen Gegenstände lagen auf dem Tisch oder in der Nähe. Zum ersten Mal fiel Kim auf, dass dieses Zimmer gar nicht den Anschein machte, als sei es bewohnt. Alles wirkte aufgeräumt, aber so unpersönlich und trist, als läge hier kein Patient. Zudem war bisher kein Pfleger hier gewesen, um das Abendessen zu bringen und die alte Dame zu füttern.
„Ja, ich liebe Geschichten und Märchen. Du hast viel Phantasie und ich höre dir gerne zu“, sagte sie und ihre Stimme klang wesentlich kräftiger, als zu Beginn. Kim schrak aus seinen Gedanken und nickte leicht. Was hatte er eben noch einmal gedacht? Er wusste es nicht mehr und schüttelte nachdenklich den Kopf. Seine Gedanken kreisten und er spürte, wie ein leichter Schwindel seine Sicht verschleierte und er die Augen schließen musste.
„Ja, ich erzähle auch gerne Geschichten.“ Seine Stimme klang selbst in seinen Ohren dumpf und matt. Was geschah hier nur? Eben noch war es ihm blendend gegangen, doch von einem Moment auf den anderen fühlte er sich matt und erschöpft.
„Geht es dir nicht gut, Kim?“, fragte Lara und klang besorgt.
Kim fuhr sich durch die Haare und atmete tief durch. „Nein, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur müde vom Erzählen. Ich hole mir etwas Wasser.“ Es kostete Kim einiges an Anstrengung, um überhaupt aufstehen zu können und nur mühsam taumelte er ins Bad hinüber. Er fühlte sich mit jedem Schritt kraftloser und nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht behalten. Irgendetwas stimmte nicht. Ein Blick in den Spiegel offenbarte ihm sein blasses Gesicht, das sogar leicht eingefallen war. Kim musste zugeben, dass er furchtbar aussah. Vielleicht wurde er krank? Er hatte sich die letzten Tage schon ein wenig schlapp gefühlt und jetzt schien sich die Erkältung endgültig festzubeißen.
„Ist alles in Ordnung?“ Laras Stimme. Wie fest und stark sie jetzt klang, ganz im Gegensatz zu seiner eigenen. Kim spritzte sich Wasser ins Gesicht. „Vielleicht solltest du nach Hause gehen, sobald du mir deine Geschichte zu Ende erzählt hast.“
„Ja, oder ich erzähle sie das nächste Mal zu Ende.“ Kim wusste nicht einmal genau wo er stehen geblieben war.
„Schade, ich wüsste zu gerne, wie es ausgeht. Was machen die Sonnenhörnchen jetzt? Warum sitzen sie auf den großen Kristallbäumen und betreten die Erde nicht?“ Ah, davon hatte er also erzählt. Kim erinnerte sich, dass er die Sonnenhörnchen noch vor den anderen Wesen des Kristallwaldes erfunden hatte. Niedliche, kleine Geschöpfe sollten es werden, die auf den Gipfeln der Kristallbäume lebten und...
Kim runzelte die Stirn und überlegte. Was genau hatte er eigentlich mit ihnen vorgehabt. Fast schon spürbar wanderten seine Gedanken und seine Phantasie ab und ließen eine dumpfe Leere zurück. Wusste er eben noch, was Sonnenhörnchen waren und wie sie lebten, hatte er sie im nächsten Moment fast vergessen. Nur ein Schatten blieb zurück und Kim glaubte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht, doch noch bevor er etwas sagen konnte, wurde ihm schwarz vor Augen.
„..im? Kim?“
Nur leise drangen besorgte Worte an sein Ohr und er blinzelte erschöpft. Grelles Neonlicht stach in seine Augen und mit einem entrüsteten Murmeln wandte er sich ab und drehte sich zur Seite.
„Olli?“, murmelte er tonlos und schielte zu seinem Freund hoch. Der junge Mann besah ihn sich mit besorgtem Blick, die Lippen fest aufeinander gepresst und die blonden Haare in sein Gesicht hängend.
Wo war er? Was war passiert? Kim war außerstande sich an das zu erinnern, was vorgefallen war und je mehr er es versuchte, umso größer wurden seine Kopfschmerzen. War bisher nur ein leises Pochen da gewesen, wurde daraus schnell mehr und Kim wurde übel davon.
„Was machst du nur für Sachen?“, fragte eine Stimme, die er im ersten Moment nicht einordnen konnte. Schließlich erspähte Kim Bruno, er zum ersten Mal besorgt aussah.
„Wo bin ich?“ Kim sah sich um und beantwortete sich seine Frage selbst. Der Aufenthaltsraum der Pfleger war ihm bekannt. Er lag auf dem alten Sofa, spürte deutlich eine der Federn im Rücken und erspähte hinter Olli die kleine Küche, in der sich die Truppe Kaffee und Tee zubereitete. Durch die Fenster fiel das abendliche Sonnenlicht und malte tiefe Schatten an die Wände.
„Im Altersheim, genauer gesagt in unserer Küche“, erklärte Oliver ruhig und half ihm vorsichtig dabei sich aufzurichten. „Wir haben dich ohnmächtig im dritten Stock gefunden.“
„Ohnmächtig?“, wiederholte Kim und schüttelte leicht den Kopf. Langsam klärten sich seine Gedanken und die nebeligen Traumbilder, die ihn bis eben noch verwirrt hatten, ließen von ihm ab. Nur mühsam konnte er seine Gedanken ordnen und erinnerte sich an Lara, der er wahrscheinlich einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. „Was ist mit Lara?“, fragte er und sah zu Olli.
„Wem?“, fragte Bruno alarmiert, noch bevor sein Freund antworten konnte.
„Der Frau, bei der ich gewesen bin.“ Kim beobachtete besorgt, wie sich die beiden Männer einen zweifelnden Blick zuwarfen und Bruno sich erhob. Er streckte sich kurz und zuckte dann mit den Schultern.
„Ich mach eine kleine Runde, Olli. Sobald Kim wieder bei klarem Verstand ist, solltest du ihn heim bringen.“ Scheinbar hatte Bruno sich wieder auf seine alte Fehde besonnen und warf Kim einen biestigen Blick zu. Ein wenig Sorge war zwar immer noch in den dunklen Augen zu sehen, doch noch bevor Kim antworten konnte, stapfte Bruno davon.
„Was hat er denn?“, fragte Kim leise und sah zu Olli.
„Der macht sich nur Vorwürfe, weil er dich heute dorthin getrieben hat“, erklärte Olli und stand ebenfalls auf. Mit festem Schritt ging er zu der Küchenzeile und kam nach einigen Minuten mit einem Glas Wasser wieder.
„Wohin?“, fragte Kim und setzte sich aus. Dankbar nahm er Olli das Wasser ab und trank es in gierigen Zügen. Erst jetzt bemerkte er, wie ausgetrocknet er sich vorkam, als hätte er eine lange Wanderung durch eine Wüste hinter sich gebracht.
„In dieses Zimmer“, erwiderte Oliver und setzte sich nun neben ihm. Wie selbstverständlich legte er einen Arm um Kim und zog ihn näher zu sich. Kim ließ sich gegen seinen Freund sinken und schloss die Augen.
„Laras Zimmer.“, murmelte Kim und spielte gedankenverloren mit den langen blonden Haarsträhnen Ollis. „Ich hab den ganzen Tag mit ihr geredet und ihr Geschichten erzählt. Sie war so lieb und es hat ihr gut getan.“ Er stutzte einen Moment und sah dann zu dem Mann, der ihm über den Rücken strich. „Wieso lasst ihr dort kein Licht herein und wieso sind die Fenster geschlossen?“
„Kim, beruhige dich erst mal.“ Olli schob ihn auf Armeslänge von sich und sah ihn direkt in die Augen. Dieser Blick beunruhigte Kim und nervös sah er zur Seite. Eine Weile schwiegen sich beide an, dann fuhr Olli fort: „Dieses Zimmer ist schon seit mehreren Monaten nicht belegt. Dort ist niemand.“
Kim schauderte. Mit einen Mal spürte er die Kälte in sich aufsteigen und sein Herz einen entsetzten Sprung machen. Niemand lebte dort? Aber er hatte sie doch gesehen! Die alte Frau, die dort vollkommen einsam und verlassen in dem Bett lag und ihr Dasein fristete. Die den Herbst so gerne hatte und ihn gebeten hatte das Fenster zu öffnen, um die Sonne hinein zu lassen.
Doch im selben Moment fielen ihm die Dinge wieder ein, die ihm aufgefallen waren- die unpersönliche Einrichtung, die geschlossenen Fenster, das Ausbleiben der Betreuung, obwohl immer wieder Leute an dem Zimmer vorbei kamen.
„Lara Betmann ist vor einigen Monaten in diesem Zimmer gestorben. Ich selbst kannte sie nicht, doch Bruno hat sie gepflegt.“ Olli machte erneut eine Pause und runzelte die Stirn. „Sie mochte den Herbst und liebte phantasievolle Geschichten. Bruno hat ihr manchmal aus Büchern vorgelesen und mir einmal gesagt, dass Frau Betmann es liebte Kindern und ihren Erzählungen zu lauschen. Manchmal kam ihre Enkeltochter, ein niedliches kleinen Mädchen, und erzählte ihr Märchen und selbst erfundene Legenden.“
„Aber das ist doch unmöglich. Ich habe ihr den ganzen Nachmittag von meinen Träumen und Gedanken erzählt...“ Kim stockte erneut und fuhr sich durch die Haare. Das klang alles zu verrückt, um wahr zu sein.
„Ebenso, wie ihre kleine Enkeltochter“, unterbrach ihn Oliver und strich ihm durch die Haare. „Ich weiß, dass sie immer noch dort ist. Ich kann sie spüren und zeitgleich weiß ich, dass sie nicht gefährlich ist.“
Kim sah ihn aus großen Augen an und zwang sich zu einem Nicken. Wie viel erklärte sich nun, da Olli ihm die Wahrheit erzählt hatte. Kim konnte sich zu genau denken, was passiert war, wusste nun warum er plötzlich immer schwächer und Lara immer stärker geworden war. Es machte den Anschein, als hätte sich der Geist von seiner Phantasie ernährt und seine Geschichten verschlungen. Kim musste sie an ihre Enkeltochter erinnert haben und mit einem Mal sprang Kim auf.
„Was hast du, Kim?“, fragte Oliver erschrocken, ließ ihn aber ohne zu zögern aus seinen Armen.
„Die Geschichte- ich muss sie ihr zu Ende erzählen“, brach es aus Kim hervor. Ob Geist oder nicht, Lara wartete immer noch auf die Erklärung, warum die Sonnenhörnchen auf den Kristallbäumen hausten.
„Kim, ich finde du solltest nicht noch einmal in dieses Zimmer gehen.“ Olli war aufgestanden, doch Kim schüttelte den Kopf.
„Sie wartet doch darauf. Ich bin mir sicher, dass sie danach gehen wird.“ Er warf seinem Freund einen flehenden Blick zu und dieser nickte schließlich. Oliver schien zu vermuten, dass Kim sich nicht so einfach von seinem Vorhaben abbringen lassen würde, doch dieses Mal begleitete Oliver Kim.
Die Abendsonne beschien ein leeres Bett, als Kim das Zimmer betrat. Das Fenster war geschlossen worden, doch die Vorhänge standen offen, als er sich umsah. Tatsächlich lag keine Frau in dem Bett, nicht einmal der Stuhl, den er sich herangezogen hatte stand daneben. Das Zimmer wirkte verlassen und doch konnte Kim die Anwesenheit der alten Dame spüren.
„Lara?“, fragte er leise und sah sich suchend um.
Schweigen empfing ihn und Kim schluckte. Vielleicht war das alles wirklich ein Fehler, doch noch bevor die Unsicherheit die Überhand gewann ging er zum Fenster hinüber und lehnte sich auf das schmale Fensterbrett.
„Wieso bist du noch einmal zurückgekommen, Kim?“
Er federte herum und sah Lara auf dem Bett sitzen. Sie hatte die Augen gesenkt und wirkte wie ein Häufchen Elend. Ihre grünen Augen sahen entschuldigend zu ihm und ihre Haare wurden für einen Moment von einem unspürbaren Windhauch erfasst. Kim schauderte leicht- jetzt war es offensichtlicher denn je, dass ein waschechter Geist vor ihm saß. Für einen Moment dachte er daran, nach Oliver zu rufen, der vor der Tür wartete, doch Kim schluckte seine Angst hinunter und trat zu ihr.
„Es tut mir Leid, ich wusste nicht, dass dir etwas passiert, wenn du mir Geschichten erzählst“, sagte Lara, noch bevor Kim eine Antwort auf ihre vorherige Frage geben konnte.
„Ist doch in Ordnung. Ich möchte dir gerne meine Geschichte zu Ende erzählen, wenn ich darf.“
Lara nickte schwach. „Dann machst du das, was Sarah nicht konnte?“, fragte sie leise.
„Dir die Geschichte zu Ende erzählen“, antwortete Kim. Er wusste, dass es sich bei Sarah um ihre Enkeltochter handeln dürfte und warf ihr einen neugierigen Blick zu.
„Weißt du, ich habe ihre Geschichten so gerne gehört. Sie ist wie du und als du hier aufgetaucht bist und mir einfach so von deinen Träumen erzählt hast, hatte ich das Gefühl Sarah sei wieder da und erzähle mir. Ich hab das so vermisst.“ Lara wurde zum ersten Mal richtig gesprächig und Kim lehnte sich gegen das Fensterbrett und beobachtete sie. „Doch ihre letzte Geschichte habe ich nicht zuende hören können und...“
„Seitdem hast du gewartet, dass du das Ende erfährst“, schloss Kim und nickte ihr dann zu.
„Ja. Ich weiß, dass ich tot bin, aber dennoch wollte ich zwei Dinge machen- die Herbstsonne sehen“, sie sah an Kim vorbei nach draußen und lächelte selig, „und das Ende der Geschichte erfahren.“
Kim nickte und schloss dann die Augen. „Ich habe einen Vorschlag zu machen“, begann er und die grünen Augen Laras wanderte augenblicklich zu ihm. „Ich hab dir bereits den Herbst gebracht, als ich den Vorhang geöffnet habe, oder?“
Sie nickte und Kim fuhr fort: „Jetzt erzähle ich dir, warum die Sonnenhörnchen auf den Kristallbäumen leben und dann gehst du endlich und findest deinen Frieden.“
Die Frau schien zu überlegen. Ihr faltiges Gesicht verschwand für einen Moment unter ihrem wirren Haar und Kim war sich unsicher, ob er sich nicht zu weit vorgewagt hatte.
„In Ordnung“, wisperte sie und Kim lächelte. „Was also machen die Sonnenhörnchen auf den Bäumen? Warum leben sie dort?“
„Weil sie nur dort ihre Nahrung finden können. Sieh her.“ Kim durchsuchte seine Jackentasche und fand schließlich, was er gesucht hatte. Er förderte den Kristall eines Kronleuchters zutage, den er vor einiger Zeit in einem Antiquariat hatte mitgehen lassen und hielt ihn in die Sonnenstrahlen. Augenblicklich brach sich das Licht in dem Gegenstand und malte etliche winzig kleine Regenbögen an die Wand. Tanzend und kreisend schwebte sie durch die Luft, waren mal an Wand und decke, mal auf Boden und Mobiliar zu finden und huschten sogar über Laras Gesicht, das ungemein stofflich und real wirkte. Kim ließ die Regenbögen eine Weile durch den Raum streifen, das Zimmer entdecken und erkunden, dann wandte er sich mit einem Lächeln an Lara.
Er brauchte nichts zu sagen. Sie hatte verstanden, wusste nun warum die Sonnenhörnchen auf den Kristallbäumen lebten. Und im nächsten Moment fiel das bunte Licht durch sie hindurch, auf die weiße Bettdecke und der Geist verschwand vor Kims Augen.
Kim blieb noch eine ganze Weile am Fenster stehen und beobachtete die Regenbögen, bis die Herbstsonne untergegangen war. Er atmete tief durch, steckte den geschliffenen Glasstein zurück in seine Tasche und verließ das Zimmer ohne sich noch einmal umzublicken.
~Ende~
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